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Sophie Prescot

Gryffindor

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1

Donnerstag, 23. Dezember 2010, 11:56

Geschichten

Auf mehrfachen Wunsch stelle ich hier einmal ein paar meiner Kurzgeschichten ein. Leider habe ich die meisten nicht auf dem Rechner, so dass es ein wenig dauern kann. Eine ganz kurze habe ich jedoch gefunden. Sie ist allerdings in Englisch verfasst. Ich habe überlegt sie zu übersetzen, aber dann klingt sie nicht mehr. Also, hier bitte sehr, viel spaß beim lesen. Grammatikfehler sind nicht ausgeschlossen, aber ich hoffe sie halten sich in Grenzen.

This story is about the last day in the life of Samara Johnson.


Samara is twelve. She lives in the north of England, precisely in a flat in
Norththumberland with her mother and her two brothers. She is the youngest. Her
father died two years ago as he went to buy bread and two bottles of milk for
the dinner. A young boy, he wasn’t be more than twelve years, stabs him because
of 20 £. Nobody come to help him. He died with the two broken bottles of milk
beside him and with the bread in his arms. Samara was ten.

Samaras brothers are twins. They are fourteen and they don’t go to school at often.
They called Jim and Terry. All the time when they are together, they take
drugs, insult people and steal cars or other things. Sometimes Susan asks them
if they don’t wish to come out from Norththumberland. Jim and Terry laugh every
time and answer, that this is a hopeless life and she shouldn’t dream a
hopeless dream.

Samaras mother works in a shopping centre in West Sussex,
but her salary isn’t enough for a better life in a better place with a better
future.

At that time Samara is sitting in her favourite place on a tree on the front of the
house where she lives. This is a sunny day but she can’t enjoy it. She is
looking to the sky and is observing a bird, which is flying over her away. She
envies the bird, because it is free and flying wherever he wants to. She is
missing her father and an empty tear is walking her cheek down.

Suddenly she hears loud voices. She looks into the direction where the voices are. Her
brothers argue with two boys. She is climbing down from the tree to go home.
One of the boys knocks over the container. She hears a shot and feels a pain
before the world gets dark. Her dream is from-dreamed.

Federflügel

Im Unterricht 11 Jahre // Gryffindor

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2

Donnerstag, 23. Dezember 2010, 14:25

wow das is gut o.O
traurig aba gut =) selbst in diesen kurzen zeilen hast du samaras gefühle gut ausgedrückt.
Wer Freiheit aufgibt um sicher zu sein, verdient weder Freiheit noch Sicherheit. (Benjamin Franklin)

It's very comforting to believe that leaders who do terrible things are, in fact, mad. That way, all we have to do is make sure we don't put psychotics in high places and we've got the problem solved. (Thomas Wolfe)




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3

Donnerstag, 23. Dezember 2010, 16:12

Danke Fedi. *rotwerd*

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4

Freitag, 24. Dezember 2010, 00:04

So, hier hätt ich gern mal Eure Meinung. Diese Geschichte ist ziemlich lang, darum teile ich sie auf und setze immer einen Teil rein, wenn sie euch gefällt. Mit Harry Potter hat sie nix zu tun. Sie ist beim RPG (Cthulhu in einer Post Nuklearen Welt) entstanden und beschreibt die Erlebnisse meines Charakters. Ich hab es versucht ein wenig in Buchform zu kriegen, darum gibt es erstmal ein kurzes Vorwort und einen Teil der Einleitung. Wenn es Euch gefällt, gibt es mehr.

Eva

Prolog



Was würdest du tun, wenn nach einem Augenblinzeln
nichts mehr so wäre, wie du es kennst?

Was würdest du tun, wenn mit einem Knall alles zu
Asche zerfiele; deine Wünsche, deine Hoffnungen, deine Träume?

Was würdest du tun, wenn du innerhalb von
Sekunden vor dem schwelenden Trümmerhaufen allen Lebens ständest?

Was würdest du tun, wenn es für dich von diesem
Moment an nur noch um das pure Überleben ginge?

Dies ist meine Geschichte von dem Ende der Welt
wie wir sie kennen. Oder sollte ich besser sagen, von dem Beginn einer neuen,
stilleren, schlechteren, bedrohlicheren und tödlicheren Welt?!


Bevor es begann



Mein Name ist Eva. Ich wurde 1996 geboren.
Ich hatte es nie besonders einfach. Vielleicht lag es daran, dass ich immer etwas anders war, als viele andere Kinder. Ich merke mir jede Kleinigkeit, ich bin und war nie zufrieden, wenn ich mein Wissen nicht erweitern konnte. Mir fiel es in der Schule immer sehr leicht und ich langweilte mich schnell, weil die anderen so viel länger brauchten als ich.
Vielleicht lag es auch daran, dass mein Leben schon vor der Katastrophe nicht so verlief, wie das vieler anderer Kinder.
Meine ersten vier Lebensjahre verbrachte ich bei meinen Eltern. Wir lebten im ersten Stock eines Mehrfamilienhauses. Vor dem Haus war ein kleiner Spielplatz, doch es kümmerte sich kaum jemand darum. Im Sandkasten wuchs Gras, die rote Farbe der Rutsche blätterte ab und das Klettergerüst war schon vor Jahren aus Sicherheitsgründen abgebaut worden. Unter den Bänken sammelten sich Bierflaschen und auf den Bänken fand man gegen Abend die Besitzer eben dieser.
Unsere Wohnung war sehr schlicht eingerichtet. Die Wände waren zum größten Teil in Grün - und Blautönen gestrichen. Im Wohnzimmer standen ein schwarzes Ledersofa und der alte Lieblingssessel meines Vaters. Er war bunt gestreift, die Armlehnen waren aufgerieben und er passte so gar nicht zum Rest des Wohnzimmers. Aber mein Vater liebte diesen Sessel. Er roch nach ihm. Wenn er nicht da war und ich ihn vermisste, kuschelte ich mich mit einer Decke in den Sessel und sog den Geruch meines Vaters ein.
Mein Zimmer grenzte an das Wohnzimmer. Es war als einziger Raum der Wohnung in einem sanftem rosa gestrichen. Mein Bett stand neben dem Fenster und über dem Kopfende waren kleine Wölkchen in blau auf die Tapete gemalt. Gegenüber meines Bettes stand mein Kleiderschrank. Ansonsten standen
hier noch zwei Regale mit Spielzeug und ein kleiner Tisch mit Papier und Stiften. Meine Eltern hatten sehr viel Liebe in die Gestaltung meines Zimmers
gesteckt.

Ich bin mir sicher, dass meine Eltern mich liebten, auf ihre Art. Meine Mutter war hübsch und intelligent. Ihr Haar war schwarz, in der Sonne hatte es einen leichten Rot stich. Wenn sie lächelte, strahlten ihre grünen Augen. Doch mit der Zeit lächelte sie immer seltener. Ich liebte es, sie singen zu hören. Wenn sie mich zu Bett brachte, sang sie mir vor und hielt meine Hand, bis ich eingeschlafen war.
Mein Vater war ein ruhiger Mann. Er ging oft mit mir in den Park, naja so oft er konnte. Er war viel beschäftigt. Jeder Lernschritt den ich machte, wurde schriftlich in einer kleinen, schwarzen Kladde festgehalten. Ich trage sie immer bei mir.
Und dann gab es da noch Lisa. Sie war mein Babysitter. Sie muss ungefähr achtzehn gewesen sein. In meinem letzten Jahr bei meinen Eltern kam sie zwei- oder dreimal die Woche zu uns um am Abend auf mich aufzupassen und mich ins Bett zu bringen. Das war die Zeit, in der meine Mutter stiller und die Besuche mit meinem Vater im Park seltener wurden. Lisa und ein Teddybär, den ich zu meiner Geburt bekommen hatte, waren in dieser Zeit meine einzigen Vertrauten. Tagsüber war ich im Kindergarten, mit Teddy an meiner Seite. Am Abend war Lisa bei mir und brachte mich am morgen auch in den Kindergarten. An sie erinnere ich mich sehr gut. Sie liebte es, mir vorzulesen und ich liebte es ihr zuzuhören. Mit einer Engelsgeduld beantwortete sie mir all die Fragen die ich hatte. Sie erklärte mir, wie die Bläschen in das Mineralwasser kommen, wie aus Raupen Schmetterlinge werden und all die anderen Dinge, die ein Kind beschäftigen. Ich erstaunte sie immer wieder mit neuen Dingen, die ich lernte und wie ich alles, was sie mir erklärte, aufsog wie ein Schwamm.


Fortsetzung folgt...

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5

Freitag, 24. Dezember 2010, 00:21

Teil 2... ich möchte hier anmerken, dass Namensübereinstimmungen zufällig sind.


Wenn Lisa krank war oder aus anderen Gründen keine Zeit hatte, kam ein alter Schulfreund meiner Mutter namens Frederick, um Lisa zu vertreten. Das kam im Durchschnitt einmal im Monate vor. Er war nett, solange meine Eltern da waren. Gingen sie, ließ er mich links liegen und schickte mich in mein Zimmer. Er hatte jedes Mal einen Aktenkoffer bei sich. Wenn sein Telefon klingelte, kam meistens kurz darauf jemand vorbei. Ich war neugierig und linste durch das Schlüsselloch meiner Zimmertür. Und jedes Mal war die Szene ähnlich.
Der Besucher gab Frederick einen Briefumschlag. Frederick schaute kurz hinein, legte ihn in seinen Koffer und gab dem Besucher einen anderen Umschlag, in welchen nun wiederrum der Besucher einen kurzen Blick warf, nickte und sich verabschiedete.
Ich fragte ihn einmal was er in seinem Koffer hatte und was die Leute ihm gaben. Da bekam er ein Glitzern in den Augen und sagte, dass ginge mich nichts an. Ich ließ es für den Abend darauf beruhen und dachte darüber nach. Ich stellte die Vermutung an, dass Frederick und all die anderen vielleicht Briefumschlagsammler waren, schob diesen Gedanken allerdings schnell wieder beiseite. Erstens sahen sich die Umschläge immer sehr ähnlich und zweitens schienen sich die Leute ja immer nur für das zu interessieren, was sich in den Umschlägen befand. Und drittens war Briefumschläge sammeln ganz sicher schrecklich langweilig. Briefträger konnte er auch nicht sein, denn ich wusste aus Beobachtungen, dass Briefträger erstens die Post zu den Leuten
brachten und zweitens keine Briefe zurück bekamen.
Ich kam zu der Überzeugung, dass es mich sehr wohl etwas anging, was da in Fredericks Koffer war und warum diese fremden Leute in unsere Wohnung kamen.

Sein nächster Besuch lief zu Anfang so wie immer. Als meine Eltern gegangen waren, setzte er sich aufs Sofa und schickte mich in mein Zimmer. Aber statt in mein Zimmer zu gehen, ließ ich mich auf dem Sessel nieder und schaute ihn an.
„Ich hab‘ gesagt, du sollst in dein Zimmer gehen. Ich brauch dich hier nicht, “ fuhr er mich an. Ich neigte den Kopf zur Seite. Diese Geste hatte ich von meiner Mutter, und sie amüsierte sich jedes Mal, wenn ich mich dieser Eigenart bediente.
„Du bist doch hier bei uns zu Hause. Und ich finde, wenn hier komische Leute herkommen will ich auch wissen warum.“
„Du kleines, vorlautes Ding. Die Erwachsenendinge gehen dich überhaupt nichts an.“ Frederick stand auf und ging auf mich zu. Er stand vor mir und sah mit einem wütenden Funkeln in den Augen zu mir herunter.
„Ich habe keine Angst vor dir.“ Mit zusammengekniffenen Augen starrte ich zurück. Da schlug er mich zum ersten Mal. Ich schrie auf und rannte in mein Zimmer. Meine Nase blutete und meine rechte Gesichtshälfte brannte.
Ich erinnere mich kaum noch an den Rest des Abends. Ich weiß nur noch, dass Frederick mich ins Krankenhaus fuhr, weil meine Nase nicht aufhörte zu bluten. Aber seine Worte im Auto, habe ich nie vergessen.
“Wenn du irgendjemanden davon erzählst, sorge ich dafür, dass du Mama und Papa, und auch Lisa, nie wieder siehst.“ Und an seinem
Tonfall erkannte ich, selbst in so jungen Jahren, dass er es ernst meinte.

Meinen Eltern erzählten wir, ich sei beim toben auf dem Sofa heruntergefallen. Sie glaubten ihm. Von diesem Tag an, fiel ich
öfter hin.

Fortsetzung folgt...

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Freitag, 24. Dezember 2010, 14:06

Und weiter gehts...


Meine Eltern sah ich kaum. In der Woche arbeiteten sie lange und am Wochenende gingen sie abends aus dem Haus, sobald Lisa oder Frederick da waren.
Nach ungefähr einem Jahr, es war kurz nach meinem viertem Geburtstag, den ich ebenfalls mit Lisa verbracht hatte, wurde ich nicht wie gewohnt am Nachmittag von meiner Mutter aus dem Kindergarten abgeholt. Kurz nach dem Mittagessen wurde ich von einer Erzieherin in das Büro der Leitung gebracht.
Im Büro saßen die Leiterin des Kindergartens, Frau Mirwa, und eine Frau, die ich nicht kannte. Frau Mirwa stellte sie mir als Frau Sander vor. Sie erklärten mir, dass die Dame vom Jugendamt sei und hier war um mich abzuholen und zu Leuten zu bringen, die sich gut um mich kümmern würden. Ich verstand nicht warum. Lisa kümmerte sich doch sehr gut um mich. Ich schrie und weinte nach ihr. An meine Eltern dachte ich nicht einen Augenblick. Zumindest nicht in diesem Moment. Frau Mirwa und die Dame vom Jugendamt schauten mich mitleidig an. Alles weinen und schreien half jedoch nichts. Am Ende zog sie mich an der Hand hinaus und setzte mich in ihren Wagen. Ich schrie noch immer und klammerte mich an Teddy, den mir eine der Erzieherin noch in den Arm gedrückt hatte. Irgendwann schlief ich ein.

Die nächsten Jahre verbrachte ich bei Susanne und Gerd Krämer. Ich teilte mir dort ein Zimmer mit ihrer Tochter Maja. Sie war ein Jahr jünger als ich. Die Krämers waren sehr nett. Sie gaben sich alle Mühe ihre Tochter nicht zu bevorzugen, was jedoch nicht immer funktionierte.

Alle zwei Wochen durfte ich meine Eltern in Begleitung von Frau Sander besuchen. Ich mochte Frau Sander nicht. Wenn sie mit mir sprach, hatte ich immer das Gefühl, dass sie mich für zurückgeblieben oder besonders zerbrechlich hielt.
Die Besuche bei meinen Eltern liefen immer gleich ab. Frau Sander informierte sie über die neusten Begebenheiten. Meine Eltern kommentierten dies. Danach hielt sich Frau Sander im Hintergrund. Meine Eltern unterhielten sich mit mir oder wir spielten gemeinsam. Manchmal machten wir einen Spaziergang. Lisa sah ich nicht wieder.
Jedes mal hoffte ich zu Hause bleiben zu können, und jedes Mal zerstörte Frau Sander meine Hoffnung mit den Worten:
„So Eva, wir müssen jetzt wieder fahren. Das Sandmännchen wartet schon an deinem Bettchen.“ Mir war natürlich klar, dass dort ganz sicher kein Sandmännchen wartete und fand diese Aussage immer recht fragwürdig. Ich startete nach einer Weile den Versuch, ihr zu erklären, dass es so etwas
wie den Sandmann nicht gibt. Ich tat das gleiche mit dem Weihnachtsmann und dem Osterhasen. Sie war jedes Mal ziemlich schockiert und murmelte irgendetwas von Illusionen und das arme Kind.

Die Krämers versuchten mich zu verschiedenen Aktivitäten zu bewegen. Beispielsweise meldeten sie mich zum Klavierunterricht an als ich fünf Jahre alt war. Ich ging ein halbes Jahr hin, dann war ich es leid, weil mir der Unterricht zu langsam voran ging. Da die Krämers es zu diesem Zeitpunkt aufgegeben hatten, mit mir zu diskutieren, meldeten sie mich ab. Sie ermutigten mich jedoch bei ihnen zu Hause am Klavier zu üben und neue Stücke zu lernen.
Auch fielen ihnen meine schnelle Auffassungsaufgabe und mein Wissendurst auf. Zu meiner Einschulung war ich vom Wissensstand schon ein ganzes Stück weiter als meine Mitschüler, sowohl in Deutsch als auch in Mathematik.

Federflügel

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7

Freitag, 24. Dezember 2010, 14:49

wow man kann sich richtig gut in Eva hinein versetzen =)
ich freu mich immer über neue Kapitel ^^

LG deine Fedi
Wer Freiheit aufgibt um sicher zu sein, verdient weder Freiheit noch Sicherheit. (Benjamin Franklin)

It's very comforting to believe that leaders who do terrible things are, in fact, mad. That way, all we have to do is make sure we don't put psychotics in high places and we've got the problem solved. (Thomas Wolfe)




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Freitag, 24. Dezember 2010, 23:35

Freut mich, das dir die Geschichte so gut gefällt. Hier hab ich auch gleich den nächsten Teil:

Ich liebte die Besuche bei meinen Eltern. Sie fehlten mir schrecklich. Niemand hatte jemals auch nur versucht mir zu erklären, warum ich nicht bei ihnen leben konnte. Und ich hatte Angst zu fragen, weil ich befürchtete dass mich jemand nach Frederick fragen könnte. Und dann würde ich meine Eltern niemals wieder sehen.

Bei einem meiner letzten Besuche hatte mein Vater mir eine schwarze Kladde geschenkt. Sie war schon etwas abgegriffen.
„Eva“, sagte er zu mir, als er mir das kleine Buch überreichte. „es ist jetzt an der Zeit dass du meine Aufzeichnungen weiterführst. Bis du wieder bei uns bist.“ Ich schlug es auf. Auf der ersten Seite waren ein Säuglingsbild von mir und mein Geburtsdatum. 07. März 1996. Darunter hatte mein Vater geschrieben:

Meine kleine Eva!

Meine Mutter erinnert sich nicht genau an meine ersten Worte oder wann ich meine ersten Schritte tat. Ich habe Angst davor, dass ich mich irgendwann nicht mehr an dein erstes Wort erinnere oder wann du deinen Namen schreiben konntest.
Aus diesem Grund schreibe ich dir dieses Buch, mein Schatz, denn wenn ein Engel zur Welt kommt, sollte man sich an jede Tat erinnern, und wenn sie auch noch so winzig ist.

Dein Papa

Auf den folgenden Seiten hatte mein Vater jede Kleinigkeit mit Datum und Uhrzeit aufgezeichnet. Am 16. August 1996 um 11:32 Uhr habe ich mich zum Beispiel das erste Mal vom Rücken auf den Bauch gedreht. Und am 02. Februar 1997 um 09:52 Uhr machte ich meine ersten Schritte frei im Raum ohne Hilfe. Es folgten weitere Bilder von meinen ersten vier Geburtstagen. Unter das Foto meines vierten Geburtstags (von Lisa aufgenommen) hatte mein Vater geschrieben:

Mein Liebes!

es tut mir sehr leid, dass du dies alles durchmachen musst. Vielleicht ist es besser so. Vielleicht haben wir es nicht besser verdient. Aber egal was sie dir sagen und was auch passiert, vergiss nie dass wir dich lieben und dass du alles für uns bist.



Die Bilder meiner letzten beiden Geburtstage wurden von meinen Pflegeeltern aufgenommen und die Aufzeichnungen waren nur noch vage.
Ich trug das Datum meiner Einschulung ein, meines ersten Lobes in der Schule und wann ich das erste Mal vor die Tür geschickt wurde, weil ich so schrecklich unruhig sei. Zu meiner Verteidigung hatte ich dazu geschrieben:

Was kann ich denn dafür, wenn die anderen viel langsamer sind als ich!

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Sophie Prescot« (25. Dezember 2010, 09:15)


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Samstag, 25. Dezember 2010, 09:21

So, und noch ein Teil...

Einen Monat nach meiner Einschulung ließ ein Gespräch mit Frau Sander Hoffnung in mir aufkeimen. Wir waren gerade auf dem Weg zurück zu den Krämers, als Frau Sander mir sagte, sie würde bei den nächsten Besuchen nicht mehr dabei sein. Sie hätte das Gefühl, dass sich alles soweit gebessert hätte und ich vielleicht bald wieder zu meinen Eltern zurückkönnte.
Dieser Hoffnungsschimmer wurde einen weiteren Monat später zerstört.
Ich hatte schon ein komisches Gefühl als wir klingelten. Es dauerte um einiges länger, bis die Tür geöffnet wurde und Frederick an uns vorbeieilte. Er schien es eilig zu haben. Als wir im ersten Stock ankamen, stand meine Mutter in der Tür. Sie sah sehr müde aus. Sie ließ uns herein und ich drehte mich um, damit ich Frau Sander verabschieden konnte. Aber sie schüttelte kurz den Kopf und bat meine Mutter auf ein kurzes Gespräch in die Küche. Meine Mutter strich mir kurz über den Kopf und schickte mich ins Wohnzimmer. Mein Vater schien nicht da zu sein. Ich kuschelte mich in seinen Sessel und sog den vertrauten Geruch ein. Irgendwo in meinem Inneren wusste ich, dass es für eine lange Zeit dass letzte Mal sein würde. Aus der Küche konnte ich die gedämpften Stimmen von meiner Mutter und Frau Sander hören. Leise stand ich auf und schlich mich zur Tür um zu lauschen.
„… dachte sie hätten den Kontakt zu Herrn Schiller abgebrochen. “, hörte ich Frau Sander sagen. Sie fügte noch etwas hinzu, aber sie sprach so leise, dass ich sie nicht verstehen konnte. Ich wollte gerade einen vorsichtigen Schritt in den Flur tun als ich hinter mir ein Geräusch hörte. Erschrocken drehte ich mich um. Mein Vater stand in der offenen Tür meines Zimmers. Er lächelte mir zu und legte den Zeigefinger an die Lippen
um mir zu sagen, ich solle leise sein. Dann winkte er mich zu sich. Er sah müde aus und es lag etwas in seinem Blick, dass ich nicht deuten konnte. Wir gingen in mein Zimmer und setzten uns aufs Bett.
„Papa? Habt ihr etwas Böses getan?“ Er wog den Kopf ein wenig hin und her.
„Nein, wir haben uns nur manchmal die falschen Entscheidungen getroffen. Und wir waren zu selten für dich da.“ Ich nickte ernst und überlegte.
„Aber Papa! Die Susanne entscheidet auch nicht immer richtig. Ich finde, sie könnte viel öfter Nudeln kochen. Macht sie aber
nicht. Da trifft sie auch oft falsche Entscheidungen.“ Papa lachte.
„Da hast du recht. Aber ich habe noch ein wenig wichtigere Sachen gemeint.“
„Aber was könnte den wichtiger sein, als Nudeln zum Abendessen?“ fragte ich empört.
„Ach, mein Engel, ich möchte dich nicht mit Erwachsenendingen belasten.“ Er strich mir über den Kopf.
„Der Frederick hat…“ Ich stockte. Mein Vater sah mich forschend an.
„Was hat Frederick gemacht?“ Ich öffnete den Mund, doch in diesem Moment hörten wir die Wohnzimmertür.
„Eva?“ rief meine Mutter. Ich stand auf. Mein Papa schloss mich kurz in die Arme und es fühlte sich nach einem längeren
Abschied an. Dann schaute er mir fest in die Augen.
„Eva, wenn der Frederick irgendwas Schlimmes gemacht hat, dann kannst du dass ruhig Frau Sander oder Susanne erzählen.“ Ich nickte. Dann rief meiner Mutter erneut nach mir und ich ging zu ihr. Frau Sander wartete im Flur. Sie sah böse aus und ließ mir nur kurz Zeit mich von meiner Mutter zu verabschieden. Sie sagte nichts aber sie sah sehr traurig aus.

Ende Teil 5...

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Sonntag, 26. Dezember 2010, 00:05

So, und der nächste Teil...

Als wir zurück bei den Krämers waren, führte Frau Sander ein langes Gespräch mit Susanne und Gerd. Ich wollte nicht lauschen, also ging ich in mein Zimmer. Dort legte ich mich auf mein Bett, schloss Teddy fest in den Arm und ließ mich meiner Traurigkeit hin bis ich einschlief. Und an diesem Nachmittag hatte ich diesen Traum, der mich noch heute begleitet, zum ersten Mal.
Um mich herum war alles dunkel und still. Ich lief umher, suchend, völlig orientierungslos. Die Dunkelheit hüllte mich ein, drohte mich zu ersticken. Es schien, als gäbe es keinen Ausweg aus diesem schwarzen Gefängnis. Und dann entdeckte ich in weiter Ferne ein Licht. Ich ging darauf zu, kam ihm mit jedem Schritt ein Stück näher. Hoffnung keimte in mir. Hoffnung, dieser Einsamkeit zu entfliehen. Ich war mir sicher, dort würde es Wärme geben, Geborgenheit. Ich hatte das Licht fast erreicht. Ich musste nur die Hand danach ausstrecken um es zu berühren. Ich versuchte meine Arme zu
heben, doch die Kraft fehlte mir. Und dann erlosch das Licht und ich stand wieder da, im Dunkel. Und dann wachte ich auf.

Ende Teil 6! Dieser Teil ist etwas kürzer, dafür ist der nächste wieder etwas mehr.

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Sonntag, 26. Dezember 2010, 12:17

So, ich war fleißig.

Die Besuche bei meinen Eltern blieben eine lange Zeit aus. Nach zwei Monaten, einer Ewigkeit wie mir schien, hatte ich das Gefühl etwas tun zu müssen. Ein einfaches ständiges Danebenbenehmen würde wohl nicht ausreichen. Maja benahm sich in letzter Zeit öfter daneben wenn sie nicht bekam was sie wollte. Sie war auch gar nicht mehr so nett wie früher. Einmal, als wir uns um irgendwas stritten, ich weiß heute nicht mehr was es war, sagte sie zu mir:
„Ständig muss ich alles mit dir teilen. Dabei hat mich meine Mama viel lieber als dich.“ Ich drehte mich um ohne eine Miene zu verziehen, ging in
mein Zimmer, legte mich auf mein Bett und fing an zu weinen, leise und heimlich.

Eines Abends, ich hatte wieder geträumt, stand ich auf um mir ein Glas Wasser aus der Küche zu holen. Vorsichtig schlich ich die Treppe herunter. Aus dem Wohnzimmer flackerte das Licht des Fernsehers und ich hörte aufgeregte Stimmen. Die Tür war nur angelehnt und ich warf einen vorsichtigen Blick durch den Türspalt. Auf dem Bildschirm war eine junge Frau zu sehen. Sie hielt ein Messer in der Hand und alles war voller Blut. Ich war sechs Jahre alt und der Anblick hätte mir Angst machen sollen, aber irgendetwas an ihr fasziniert mich. Ich war völlig versunken.Inzwischen würde mir dieser Anblick nur noch ein leises Lächeln abgewinnen. Ich habe Dinge gesehen, von denen der beste Horrorfilmautor nicht einmal träumen würde.
Als Gerd, mein Pflegevater, hustete, schreckte ich auf. Ich hielt den Atem an und bewegte mich nicht, aus Sorge sie könnten mich entdecken. Einmal hatten die beiden mich ertappt wie ich durch den Türspalt linste. Im Fernsehen lief gerade ein Film mit vielen Schüssen und Schreien. Susanne brachte mich nach oben um mit mir über das zu reden was ich gesehen hatte und erklärte mir, dass das alles nicht echt sei. Sie tat das in
dem gleichen Tonfall, in dem Frau Sander immer mit mir sprach. Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, hielt sie mich wahrscheinlich für unwissender, schutzbedürftiger und zerbrechlicher als ich war. Vor noch so einem Gespräch fürchtete ich mich mehr, als vor ein paar harmlosen Schüssen und ein wenig Blut im Fernsehen.
Als sich im Wohnzimmer jedoch weiter nicht tat als ein Husten von Gerd, drehte ich mich vorsichtig um und ging leise in die Küche. Das kleine Licht über dem Herd brannte noch. Ich nahm mir meinen Becher und tappte zum Kühlschrank um mir etwas Wasser einzugießen. Da fiel mein Blick auf die Spüle. Susanne hatte das Geschirr, welches nicht im Geschirrspüler gelandet war, abgespült, es jedoch noch nicht weggeräumt. Leise, damit Susanne und Gerd mich nicht hörten, zog ich mir einen Stuhl zur Spüle hinüber, griff mir eines der Messer und ging, nachdem ich den Stuhl und meinen Becher zurückgestellt hatte, leise hoch in mein Zimmer. Ich versteckte das Messer unter meinem Bett. Ich hatte die Erfahrung gemacht, dass hier nie jemand nachschaute. Dann ging ich ins Bett. Das Bild des blutverschmierten Mädchens ging mir nicht mehr aus dem Kopf.

Ein paar Tage später, wir hatten gerade zu Abend gegessen, fragte ich Susanne als ich ihr half den Tisch abzuräumen, ob ich meine Eltern wohl bald wieder einmal besuchen dürfte. Sie wich mir aus und erzählte mir, sie hätten in letzter Zeit viel zu tun. Sie könne es mir nicht sagen.

Später in meinem Zimmer fasste ich meinen Entschluss. Kurz warf ich einen Blick auf die Uhr. In ungefähr zehn Minuten würde Susanne kommen um mir Gute Nacht zu sagen. Sie würde mich also früh genug finden. Leise holte ich das Messer aus seinem Versteck. Ich konnte Susanne unten mit Gerd reden hören. Sie schien schon an der Treppe zu stehen. Ich setzte mich aufs Bett und setzte das Messer an…


Ende Kapitel eins! Der aufmerksame Leser wird festgestellt haben, dass es hier nicht zu Ende sein kann. Der nächste Teil kommt allerdings erst, wenn ich ihn geschrieben habe, aber ich weiß natürlich schon wie es weitergeht. Kann also nicht lange dauern. :) Ich hoffe es hat euch bis hierhin gefallen. Ich freue mich auch über Rückmeldungen, hier oder per PN.

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Donnerstag, 30. Dezember 2010, 13:46

So, der erste Teil des zweiten Kapitels ist fertig.

Unerfüllte Hoffnung

Hysterisches Rufen, hektische Schritte… alles nahm ich wie durch einen dunklen Schleier war kurz bevor die Dunkelheit mich umfing. Dann drangen andere Stimmen durch die Dunkelheit, ruhige Stimmen, vertraute Stimmen. Jemand hielt meine Hand. Vorsichtig öffnete ich die Augen. Meine Mutter saß am Rand meines Bettes. Ihre Augen waren rot umrandet. Sie sah müde aus. Als sie bemerkte dass ich wach war, lächelte sie.
„Guten morgen mein Engel.“ Sie strich mir übers Haar. Ich fühlte einen dumpfen Schmerz an meinen Handgelenken.
„Kann ich jetzt wieder zu Euch nach Hause?“ fragte ich sie hoffnungsvoll. Ihr Blick wurde fragend, dann begann sie zu begreifen und Tränen traten ihr in die Augen.
„Ach Süße…“ setzte sie an, brach dann jedoch ab weil ihr die Stimme versagte. Aus den Augenwinkeln nahm ich eine Bewegung im Raum wahr. Ich drehte den Kopf und sah meinen Vater, der aus einem Stuhl aufstand. Er setzte sich auf die andere Seite des Bettes.
„Kannst du mir einen Kaffee holen?“ bat er meine Mutter. Sie nickte, stand auf und verließ das Zimmer. Ich sah ihr nach und als die Tür hinter ihr zuging, konnte ich einen Blick auf Frau Sander erhaschen, die gegenüber der Tür auf einem Stuhl saß.
„Du hast uns einen ziemlichen Schrecken eingejagt,“ sagte mein Vater sanft und nahm meine Hand.
„Das wollte ich nicht. Ich will doch nur wieder nach Hause.“ Bittend sah ich ihn an. „Bitte, darf ich wieder nach Hause? Ich will da nicht mehr sein. Und die Frau Sander will ich auch nicht mehr sehen.“ Mein Vater seufzte.
„Vielleicht solltest du ein wenig schlafen.“ Er gab mir einen Kuss auf die Stirn und stand auf. „Ich gehe mal schauen wo deine Mutter bleibt.“ Er ging hinaus. Ich sah ihm nach dann schloss ich die Augen. Kurz darauf schlief ich ein. Dies war für eine lange Zeit das letzte Mal, dass ich die beiden sah.


Eine Krankenschwester weckte mich auf.
Zeit fürs Mittagessen,“ sagte sie freundlich und lächelte mir zu. Ich sah mich um.
„Wo sind meine Eltern?“ Sie zögerte.
„Du solltest jetzt erst einmal etwas essen,“ erwiderte sie anstatt einer Antwort und ging hinaus. Ich setzte mich auf. Hunger hatte ich keinen, also schob ich das Tischchen mit dem Tablett zur Seite. Ich warf einen Blick aus dem Fenster. Es hatte geschneit und ich konnte einen kleinen Jungen sehen, der mit seinen Eltern einen Schneemann baute. Ich hatte noch nie einen Schneemann gebaut und nahm mir fest vor, dies bald mit meinem Vater nachzuholen. Ich war fest davon überzeugt, dass ich wieder nach Hause kam. Diese Überzeugung sollte allerdings wenig später zerstört werden.

An die nächste Zeit erinnere ich mich nur noch schwach. Ich weiß noch dass Frau Sander mir sagte, dass ich bald wieder nach Hause könnte. Ich fand allerdings schnell heraus, dass sie mit „zu Hause“ die Krämers meinte. Ich sagte ihr dass ich nicht wieder dorthin wollte aber es hatte keinen Sinn. Ich schrie und tobte doch es nutzte alles nichts. Von da an blieb ich still.
Eine ganze Weile brachten mich die Krämers zu einer Dame, die versuchte mich zu irgendwelchen Spielen zu animieren. Irgendwann blieb ich einfach im Bett liegen, weigerte mich stumm aufzustehen oder zu Essen. Sie brachten mich wieder ins Krankenhaus. Ich sah die Krämers nicht wieder. Wenn ich nach meinen Eltern fragte, sagte Frau Sander mir, sie seien sehr beschäftigt und irgendwann fragte ich nicht mehr. Meine Hoffnung begann zu schwinden und irgendwann erlosch sie ganz.

Die Fortsetzung kommt bald...

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Dienstag, 4. Januar 2011, 19:03

Und bitteschön...

Mit neun Jahren kam ich dann in ein Kinderheim. Es war gar nicht so schlecht. An Anfang war ich in meiner Klasse die Älteste. Durch den Klinikaufenthalt fehlten mir zwei Schuljahre. Den Lehrern war jedoch schnell klar, dass ich nicht so weit hinterher hing, wie sie dachten und nach einem halben Jahr war ich wieder mit gleichaltrigen zusammen.
Ich hatte im Heim eine sehr gute Freundin namens Sara. Sie war ein Jahr älter als ich und ein sehr ruhiges Mädchen. Wir teilten uns ein Zimmer und hockten so gut wie immer zusammen. Ihre Mutter hatte sich durch eine Überdosis das Leben genommen und ihr Vater war schon vor ihrer Geburt verschwunden. Wir waren uns gegenseitig eine Stütze, bauten die andere auf wenn sie dachte, es geht nicht mehr. Sie brachte mir Essen, wenn ich nicht die Kraft dazu hatte, aufzustehen und ich nahm ihr das Messer aus der Hand, wenn sie sich nicht mehr spüren konnte.

Ich war zwölf als ich Frederik, kurz vor Weihnachten, zufällig auf der Straße traf. Er grinste und kam auf mich zu.
„Ist das die kleine Eva?“ fragte er und musterte mich von oben bis unten. „Du siehst deiner Mutter sehr ähnlich.“
„Hallo Frederik,“ sagte ich bemüht freundlich und machte unbewusst einen Schritt nach hinten.
„Das mit deiner Mutter tut mir wirklich sehr leid. Und dann der Vater noch im Gefängnis.“ Er schüttelte bedauernd den Kopf. Ich sah ihn mit großen Augen an, erwiderte jedoch nichts.
„Oh, hat dir das niemand erzählt?“ Er wirkte verlegen. Dann nahm er Zettel und Stift aus der Tasche, schrieb etwas darauf und reicht mir den Zettel. Darauf stand der Name eines Friedhofes, sowie ein paar Zahlen und Buchstaben.
„Sie hat nur eine Grabplatte. Ich dachte, du möchtest vielleicht gerne ihr Grab besuchen.“ Er sah mich noch einen Moment an und in seinem Blick lag ehrliches Bedauern. Dann drehte er sich um und ging.
Ich war nie dort.

Zurück im Heim erzählte ich Sara von dem Treffen. Ich war völlig außer mir. Ich hatte das Gefühl, von allem und jeden betrogen worden zu sein. Sara redete auf mich ein und nach einer Weile fassten wir einen Plan. Ein paar Monate legten wir Geld beiseite, dass wir für Kino oder andere Dinge bekamen, sparten wo es nur ging. Es war Juli, als wir unseren Plan in die Tat umsetzten. In der Nähe war eine fast leere Streugutkiste an der das Schloss fehlte. Wir besorgten uns ein Vorhängeschloss und nutzten es als Versteck für unsere persönlichen Habseligkeiten und ein paar Konservendosen und Wasserflaschen, die wir aus der Küche stibitzten. Wir machten uns früh auf den Weg. Wir hatten Sommerferien und hatten die Auflage, um 20:00 Uhr wieder drin zu sein. Das gab uns einen guten Vorsprung.
Wir fuhren mit dem Bus so weit aus der Stadt, wie es uns möglich war. Von da an liefen wir. Jeder von uns mit einem großen Rucksack und einem Schlafsack über der Schulter. Wir liefen querfeldein, um weniger aufzufallen. Wir schliefen im Wald in überdachten Wanderrastpunkten oder auf Hochsitzen. Wir duschten in Schwimmbädern und kauften in großen Supermärkten ein, damit wir nicht so auffielen.

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Sophie Prescot

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Sonntag, 13. September 2015, 18:56

Nach langer Zeit möchte ich dann doch mal wieder eine Kurzgeschichte mit euch teilen. Die Evastory liegt erstmal auf Eis, weil ich da ne Menge umbauen möchte und derzeit ein paar Projekte habe bei denen ich mir noch nicht sicher bin, an welchem ich langfristig arbeiten möchte.
Und mitte des Monats kommt die Anthologie in die ich es mit einer Geschichte geschafft habe °05 Nicht mit dieser hier (die aus der Anthologie darf ich auch nicht posten).

Ich find sie ist ganz schön kitschig geworden, aber auch sowas kann man ja mal versuchen. °30


Strandgut oder eine verlorene Freundschaft

Tina ging am Strand entlang. Die Sonne war gerade noch am Horizont des weiten Meeres zu sehen. Tief atmete sie die Seeluft ein und spürte nichts außer Zufriedenheit. Dies war ihr erster Urlaub seit ihrer Scheidung vor zwei Jahren und es war schön, sich einmal um nichts und um niemanden kümmern zu müssen. Tina zog ihre Schuhe aus und ließ sich das warme Wasser der Südsee um die Knöchel spülen. Sie sank mit jeder Welle ein wenig in den weißen Sand und das erste Mal seit einer gefühlten Ewigkeit fühlte sie sich vollkommen entspannt und frei. Der Wind strich ihr über Gesicht und Arme und sie lächelte. Sie schloss die Augen, wandte sich der See zu und streckte die Arme zur Seite aus, genoss einfach den Moment, die Stille und das Glück das sie durchströmte. Ein paar Minuten stand sie einfach da.
Etwas stieß sachte gegen ihr Bein. Tina runzelte die Stirn, öffnete die Augen und sah an sich hinunter. Inzwischen war die Sonne schon fast verschwunden und in dem schwindenden Licht konnte sie den Gegenstand, der in den Wellen lag nur schemenhaft erkennen. Sie ging in die Knie und hob ihn auf. Es handelte sich um einen kleinen Plüschhasen, etwa fünfzehn Zentimeter hoch. Das Stofftier war schwer. Vermutlich hatte es schon eine Weile im Wasser gelegen. Jemand hatte ihm ein blaues Tuch um den Hals gebunden und sein linkes Auge war ein wenig locker. Sicher wurde der kleine Hase schon schmerzlich vermisst.
Tina konnte sich noch gut daran erinnern, wie ihre kleine Schwester stundenlang geweint hatte bis sie vor Erschöpfung eingeschlafen war. Damals hatte sie ihren Hasen in einem Wildpark verloren, in dem sie gemeinsam mit ihren Eltern und Tinas besten Freund Malte gewesen waren. Als ihre Mutter zurückgeeilt war, hatte sie nur noch zusehen können, wie ein Elch ihn in den Wald trug. Wenn sie ihn näher betrachtete sah dieser Plüschhase dem ihrer Schwester ziemlich ähnlich.
Tina sah sich nach einem geeigneten Platz für den verlorenen Begleiter um. Nicht weit entfernt waren ein paar kleine Felsen. Dort könnte er trocknen und würde hoffentlich von seinen Besitzern gefunden. Sie ging hinüber, legte das Stofftier ab und setzte sich daneben. Ihr Blick wanderte über die Weiten des Meeres, während sie ihren Erinnerungen nachhing. Malte! Ihr bester Freund in Kindheitstagen. Als sie vierzehn waren, war seine Familie nach Singapur ausgewandert. Tina und Malte hatten sich noch ein paar Mal geschrieben, aber irgendwann hatten sie sich verloren.
In letzter Zeit dachte sie oft an ihn. Nie wieder war sie jemandem so nahe gewesen, einmal abgesehen von ihren Eltern. Nicht einmal zu ihrem Exmann hatte sie so eine Verbundenheit gespürt.
Tina fröstelte. Die Sonne war nun komplett hinter dem Horizont verschwunden und der Wind war ein wenig aufgefrischt. Mit einem leichten Gefühl von Wehmut ging sie in Richtung Hotel.

Malte war schon früh am Morgen wach. Kurz nach Sonnenaufgang war es am Strand noch beinahe menschenleer und er konnte in Ruhe seinen Gedanken nachhängen, bevor er sich in den Frühstücksbuffet-Wahnsinn stürzte.
Tief atmete er die frische Meeresluft ein und lief los. Noch immer fühlte es sich seltsam an, einfach in den Tag hineinzuleben, ohne Zwang und ohne Termine. Seit Jahren hatte er keinen Urlaub mehr gemacht. Und vor zwei Wochen dann hatte ihn dieser Fremde aus dem Spiegel angeblickt. Dieser Typ mit den Augenringen und den leicht angegrauten Schläfen, der mindestens zehn Jahre älter aussah, als er sollte. Von diesem Anblick schockiert und wachgerüttelt hatte er seinen aufgestauten Urlaub genommen, seine Sachen gepackt und den nächsten Last-Minute-Flug gebucht, den er bekommen konnte. Sein Tag bestand hier aus einer morgendlichen Joggingrunde, den täglichen Malzeiten und viel Zeit zum Nachdenken. Über sein leeres Leben, seine Vergangenheit, seine Zukunft. Und er fragte sich oft, wann er zu so einem Menschen geworden war und wie.
Malte nickte der älteren Dame zu, die er täglich bei seiner Runde traf. Sie hatten noch nie ein Wort gewechselt und er fragte sich, ob sich dies im Verlaufe seines Urlaubs noch ändern würde. Sie hob die Hand und lächelte ihm zu und er lächelte und nickte zurück. Wie jeden Morgen. Seit seinem ersten Urlaubstag vor einer Woche. Zwei weitere lagen noch vor ihm.
Er passierte den ersten Rettungsturm, den er einmal umrundete, wie jeden Morgen. Er kam an den Felsen vorbei, den er einmal mit der Hand berührte, wie jeden Morgen. Doch heute war etwas anders. Ein vergessener Plüschhase lag auf den Felsen. Er griff danach. Der Hase war schwer und sein Fell war feucht. Jemand musste ihn aus dem Meer gefischt und hier abgelegt haben. An sich nichts Ungewöhnliches, aber bei dem Anblick dieses Stofftieres rührte sich etwas in ihm und ein leises Gefühl der Sehnsucht kam in ihm auf.
In den letzten Tagen hatte er öfter an sie denken müssen. Tina, seine beste Freundin aus Kindheitstagen. Und sie fehlte ihm. Vielleicht wäre sein Leben anders verlaufen, wenn er sie in seinem Leben gehabt hätte. Er hatte ein Jahr bei seinen Eltern in Singapur gelebt, dann hatten sie ihn auf ein Internat in die Schweiz geschickt und von dort aus hatte er seinen Weg allein gemacht. Abschluss, Ausbildung, Job. Ein paar Beziehungen nebenbei, aber nie etwas wirklich Ernstes und schon gar kein „bis dass der Tod Euch scheidet“.
Jetzt, mit Vierunddreißig, hatte er das Gefühl, so viel in seinem Leben verpasst zu haben.
Malte lehnte sich an den Felsen und sah aufs Meer hinaus, beobachtete wie die Wellen sich im Sand kräuselten und hing seinen Gedanken nach. Aus der Ferne wehten Stimmen zu ihm heran. Fast fühlte er sich gestört und versuchte sie zu ignorieren. Mit der Zeit wurden die Stimmen lauter. Malte drehte den Kopf und sah den Strand entlang. In einiger Entfernung konnte er einen Mann und ein Kind erkennen, die offenbar etwas suchten. Vielleicht das Kuscheltier? Ein gewisser Grad an Enttäuschung stellte sich ein. Für einen kurzen Moment hatte Malte gehofft, es handele sich wirklich um den Stoffhosen aus seiner Kindheit und jeden Moment würde auf wunderliche Weise Tina vor ihm auftauchen, weil sie ihr Leben der Suche des Kuscheltieres ihrer Schwester verschrieben hatte. Vielleicht war diese todkrank und nur dieses Kuscheltier konnte sie heilen. Er schüttelte lächelnd den Kopf. Was für ein Unsinn. Wahrscheinlich war Tina glücklich verheiratet mit einem erfolgreichen Künstler und hatte zwei oder drei wundervolle Kinder.
Er stieß sich vom Felsen ab und lief weiter, um seine Runde zu beenden. Als er auf dem Rückweg erneut an dem Felsen vorbeikam, war der Hase verschwunden.

„Verehrte Gäste, wir freuen uns sie heute Abend hier auf unserem Tanzabend begrüßen zu dürfen. Wir hoffen, Sie genießen Ihren Urlaub und lassen sich von uns an diesem wundervollen Abend verzaubern.“ Ein Tanzabend! Normerweise nicht Tinas Lieblingsbeschäftigung. Aber sie hatte beschlossen, ihr Leben zu genießen. Lange genug hatte sie sich zurückgenommen und sich klein halten lassen. Nun saß sie an der Bar, wippte mit dem Fuß zur Musik und nippte an ihrem Cocktail.

Malte brauchte unbedingt eine Abwechslung. Den ganzen Tag hatte er damit verbracht, sich Gedanken über sein weiteres Leben zu machen. Er schaffte es einfach nicht, ein wenig abzuschalten. Und dieser Tanzabend schien ihm genau das Richtige zu sein. Auch wenn er kein guter Tänzer war. Im Internat hatten sie Gesellschaftstanz unterrichtet bekommen, aber das war eine ganze Weile her und er war seitdem selten in die Verlegenheit gekommen, das Gelernte anzuwenden.
Ein wenig unsicher betrat er die große Terrasse und sah sich um. Jetzt, wo er hier war, zweifelte er, ob das hier tatsächlich seine beste Idee gewesen war. Aber nun hatte er sich rasiert und ein wenig in Schale geschmissen, das konnte er ja nicht an ein paar einsame Insekten vergeuden. Also nahm er an einem kleinen Tisch am Rand Platz und ließ seinen Blick über die Gäste schweifen. Ein paar Gesichter kannte er schon. Dort vorne war die ältere Dame vom Strand, gemeinsam mit einem Herrn in ihrem Alter. Ein Stück weiter an einem Tisch saß ein junges Pärchen, die frisch verliebt schienen. Sie hatten nur Augen füreinander. Er sah sie öfter beim Frühstück. Junge Liebe muss wirklich schön sein ging es ihm neidvoll durch den Kopf.

Mit einem Seufzer stellte Tina ihr Glas auf der Bar ab und ließ sich vom Barhocker gleiten. Wenn sie den Abend hier verbrachte, würde sie irgendwann mit einem gehörigen Schwips in ihr Zimmer wanken und dort in ihr Bett sinken und hätte dadurch am Ende nur eine hohe Rechnung aber sonst nichts vom Abend gehabt. Außer Kopfschmerzen am nächsten Morgen.
Sie sah sich um. Glücklicherweise war sie nicht die einzige einsame Seele hier. Auf der Tanzfläche befanden sich nicht nur Pärchen und so ließ sie sich ein wenig von der Musik leiten.
An einem kleinen Tisch in einer Ecke saß ein Mann. Er hatte ihr den Rücken zugewandt, aber irgendetwas an ihm schien ihr vertraut. Fast musste sie über sich selbst lachen. Mach dich nicht lächerlich. Du kennst hier niemanden. Und doch, irgendetwas zog sie zu ihm hin und so näherte sie sich möglichst unauffällig und kam sich dabei beinahe ein bisschen lächerlich vor.

Er konnte nicht genau sagen, was ihn dazu veranlasste sich umzuschauen. Er tat es eher intuitiv. Und da stand sie. Sie wirkte ein wenig ertappt, als wenn sie sich hatte anschleichen wollen. Und auch wenn sie sich Jahrzehnte nicht gesehen hatte, war er sich sicher. So sicher.

Sie blieb stehen als er sich ihr zuwandte. Ein bisschen erschrocken und doch auch voller Erwartungen. War da ein Zeichen des Erkennens in seinem Blick? Sie wusste, dass er es war und lächelte.

Er stand langsam auf und machte einen Schritt auf sie zu, als sie ihm zulächelte. Mit jeder Sekunde fühlte er sich ein wenig sicherer. Sie war es, musste es sein. Ihm war, als wenn etwas lang Verlorenes in greifbare Nähe rückte. Und auch er lächelte.

Sie streckte die Hand aus, als er auf sie zukam. Dieses Lächeln hätte sie unter tausenden widererkannt. Langsam ging sie auf ihn zu und griff nach seiner Hand, nach beiden und sah ihn an. Sie brauchten keine Worte, die hatten sie nie gebraucht.

Er spürte, wie er sich vollkommen entspannte. Er drückte ihre Hände leicht und hielt ihren Blick fest. Es lag so viel Wärme in ihren Augen. Und er hatte das Gefühl, die Antwort auf seine Frage nach seiner Zukunft gefunden zu haben. Er ließ ihre Hände los und zögerte kurz. Dann zog er sie an sich, umarmte sie und hielt sie fest.

Sie sah ihn verwundert an, als er sie losließ. Doch dann legte er seine Arme um sie und sie erwiderte seine Umarmung, drückte sich an ihn und atmete seinen Duft ein. Dieser Geruch war ihr so vertraut und gleichzeitig war er vollkommen neu.

Sie standen eine Weile dort, am Rande der Tanzfläche und hielten einander einfach fest. Ganz still, ohne ein Wort. Dann nahmen sie sich bei der Hand und gingen. Sie hatten sich gefunden. Und dieses Mal, dass wussten sie beide, würden sie besser aufeinander aufpassen.

In einem Bett des Hotels schmiegte ein kleines Mädchen ihr Gesicht in das Fell ihres Stoffhasen und seufzte zufrieden.

Eddard Stark

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Montag, 15. Mai 2017, 22:27

Alplanden und das Bündnis der Drachen

Ein Werk aus meiner eigenen Feder:
Kapitel 1 – Eine neue Welt

Es war ein warmer Nachmittag im August. Marcel Gerber ging seiner Lieblingsbeschäftigung nach, dem Geocaching. Am Fuße der Ronneburg in Hessen suchte er mittels Smartphone Geocaches. Er war sehr erfolgreich darin. Gerne löste er die Rätsel entweder vor Ort oder daheim am Computer, suchte beharrlich die Verstecke und hob die Behältnisse, ehe er sich auf dem Logstreifen verewigte. Doch an diesem Cache tat er sich etwas schwerer. Leicht zweifelnd blickte er auf die Route, die sein GPS ihm auf dem Handy anzeigte. Der junge Mann war dabei so auf die rasch bewegende Nadel des Gerätes fixiert, dass er die Umwelt um sich herum vergaß. Noch einen Schritt geradeaus, dachte er bei sich, dann müsste sich das Versteck doch zeigen. Er trat vor und trat ins Leere. Der Sturz ging mehrere Meter den Hügel hinab. Ein Baum stoppte den Sturz und mit voller Wucht prallte Marcel dagegen. Ein kurzer Schmerzensschrei, dann schien es, als würden tausende von Sternen vor seinen Augen explodieren. Und dann wurde ihm schwarz vor Augen.
Es war einige Zeit vergangen als er aus seiner Ohnmacht erwachte. Schmerzhaft rieb er sich die wachsende Beule am Hinterkopf. „Oh man“, stöhnte er. „Das war echt heftig.“ Verwirrt blickte er sich um. Wie kam er hierher, fragte er sich. Der Hügel, den er herabgestürzt war, war mit ein paar wenigen Bäumen ausgestattet gewesen, aber nun befand er sich in einem dicht bewachsenen Laubwald. Die Bäume waren riesig und der Boden wirkte verwildert. Träumte er etwa? Er schloss die Augen, kniff sich kräftig in den Arm, öffnete die Augen erneut und er träumte nicht. Diese Welt war nicht die Welt, die er kannte. „Ganz ruhig“, flüsterte er sich zu. „Ich bin bestimmt in komatösem Zustand irgendwo hingelaufen und dann zu Boden gegangen.“ Er zückte sein Handy, um sich via GPS zu orientieren. Das Display wies einen Riss auf, aber schien ansonsten intakt. Marcel schaltete es ein. Kein Netz. „Ist ja großartig“, murmelte Marcel. „Diese moderne Technik. Wenn man sie mal braucht, dann streikt sie!“ Er packte das Handy in seine Hosentasche und lief auf eigene Faust los. Marcel erinnerte sich, dass er zur Südseite der Burg unterwegs gewesen war. Somit war die Richtung des Ausgangs für ihn klar. Er durchkämmte den engen Buchenwald.
„He da! Fremder! Was treibt Ihr hier?“, schrie eine sonderbare Stimme entgegen.
Marcel blickte sich um. Wo kam die Stimme her, dachte er sich.
„Seid Ihr blind oder taub? Achtet Ihr auf das, was zu Euren Füßen sich befindet?“
Marcel schaute herab. Und tatsächlich. Ein Mann, der von der Größe nicht einmal an sein Schienbein heranreichte fuchtelte und fluchte zornig in seine Richtung. Der junge Mann ging auf die Knie und hob beschwichtigend die Hände.
„Entschuldige“, sagte er rasch. „Ich habe dich nicht gesehen.“
Der Zwerg blickte ihn zornig an. „Das habe ich gemerkt, Ihr Riese. Na ja, immerhin konnte ich Euch aufhalten, ehe Ihr unser Dorf platt treten konntet!“
„Euer Dorf?“
„Na, das hier“, erwiderte der kleine Mann und deutete mit seiner Hand hinter sich. Eine kleine Siedlung in den Steinen und Baumstümpfen tat sich auf. Verängstigte kleine Menschen schauten zu Marcel auf. Er schluckte erschrocken. „Das tut mir so unendlich …, bitte entschuldigt. Aber ich glaube, ich gehöre nicht in deine Zeit.“
„Das merke ich“, entgegnete der Zwerg. „Ich bin Trojon, Magister des Zwergenvolkes. An Eurer Kleidung, werter Herr erkenne ich, dass Ihr nicht in unsere Ländereien gehört. Darf ich Euren Namen erfahren?“
„Mein Name ist Gerber, Marcel Gerber“, antwortete Marcel. „Wo bin ich? Hier ist doch die Ronneburg?“
Trojon blickte ihn verwirrt an, dann lachte er lauthals auf. „Ronneburg? Ihr beliebt zu scherzen, Marcel. Lauft Ihr den Hügel hinauf, dann wird Euch Burg Karamurg erwarten. Dort herrscht Aluanda, Königin der Elfen, Fürstin von Kuhlidorf, also unsere Siedlung hier und Wächterin von Alplanden. Vielleicht kann sie Euch weiterhelfen, Marcel.“
„Alplanden? Kuhlidorf? Aluanda? Welches Spiel spielst du mit mir? Das muss doch ein Traum sein oder ein böser Scherz.“
Trojon plusterte sich auf. „Sehe ich aus, als würde ich scherzen. Schaut, keiner sieht so aus, wie Ihr!“
Marcel blickte sich um. Trojon sprach die Wahrheit. Sämtliche Zwerge seines Dorfes waren in Kleidungen, wie er sie aus Fantasy-Serien kannte, gekleidet. Er jedoch trug eine stark zerrissene Jeans, ein ziemlich dreckiges T-Shirt, Turnschuhe und ein nutzloses Smartphone mit sich rum.
„Du …, ähm … Ihr habt ja Recht Trojon“, warf Marcel schnell ein. „Ich bin nicht definitiv nicht von hier. Das ist nicht meine Zeit. Würdet Ihr mir die Ehre erweisen und mich zur Burg begleiten?“
Trojon lächelte. „Ich werde es nicht sein, aber ich werde Euch eine kleine Garde zur Verfügung stellen. Wartet.“
Der Zwerg verschwand im Unterholz und kam nach kurzer Zeit mit vier Zwergen wieder. „Das sind Pyrdrak, Merak, Terjon und Pneunik. Sie sind stolze Soldaten meiner Garde und werden Euch zur Burg von Königin Aluanda begleiten. Vielleicht wird man Euch auf der Burg in passende Gewänder kleiden.“
„Nun ja, eigentlich will ich ja nur wieder zurück in meine Zeit, aber für die Rückkehr wären ein paar neue Klamotten nicht das Verkehrteste.“
„Man wird sich schon gut um Euch kümmern“, versicherte Trojon. „Und nun meine getreuen Diener, begleitet den verwirrten Herrn zur Burg. Es wird bald dunkel werden und niemand soll sich in der Dunkelheit draußen herumtreiben müssen.“
„Ja, Magister!“, entgegneten die vier Zwerge aus einem Mund. „Kommt, Marcel. Wir bringen Euch zur Burg von Königin Aluanda.“
So folgte Marcel den kleinen Soldaten zur mächtigen Burg, die sich auf der Spitze des Berges auftat. Er musste sich kneifen. Das sah kein bisschen so aus, wie die Ronneburg, die er in Erinnerung hatte. Eine massive Mauer aus schwarzen Steinen umfasste die Burg. Zwei mächtige Türme hoben sich darüber empor. Wie es wohl im Inneren der Burg aussah, dachte Marcel bei sich. Gemeinsam mit seinen Begleitern erreichte er ein mächtiges Tor. Pyrdrak trat vor und klopfte an. Ein winziges Fenster öffnete sich und ein Auge musterte wachsam die fünf Gestalten.
„Was ist Euer Begehr, Pyrdrak?“, fragte die Stimme hinter dem Tor.
„Ein Mann aus anderer Zeit begehrt Vorsprache bei der Königin“, antwortete er, dann senkte er die Stimme: „Es geschah, wie im Buch des Schicksals beschrieben.“
Das Fenster wurde mit einem mächtigen Ruck zugezogen und das Burgtor geöffnet. Ein hünenhafter Elf in schwarzer Rüstung kam zum Vorschein.
„Tretet ein mit Eurem Gast, Pyrdrak“, sprach er und musterte Marcel.
„Oh ja“, meinte er mit etwas Widerwillen und Argwohn. „Er stammt aus anderer Zeit. Pasnic!“
Ein weiterer Elf in einer weißen Tunika gehüllt, über die ein schwarzes Wams gelegt wurde, dazu die passenden schwarzen Hosen und Stiefel, eilte herbei. „Ihr sollt mich doch nicht behandeln, wie einen einfachen Diener!“, fluchte Pasnic.
„Ach. Wäre es dir lieber, unserer Königin deine Abscheulichkeit zu gestehen und ein schlimmeres Schicksal zu befürchten, als mir zur Hand zu gehen?“
„Schon gut, Mylord Harbor“, erwiderte Pasnic hastig. „Was wünscht Ihr?“
„Kleidet unseren Gast hier, der aus einer anderen Welt zu uns kam ordentlich ein, ehe wir ihn der Königin vorstellen.“
Pasnic musterte Marcel eingehend. „Welch glückliche Fügung, dass Ihr hier seid. Die Kleidung Eurer Welt ist wohl nicht so robust. Folgt mir bitte zur königlichen Kleiderkammer.“
Schulterzuckend folgte Marcel dem Elfen, der etwas kleiner und runder von der Statur wirkte, als Harbor. Harbor blieb mit ernstem Gesicht zurück und wandte sich an Pyrdrak und seine drei Begleiter.
„Also schön, Pyrdrak. Wo kam er her?“, fragte er neugierig.
„Es gab einen kräftigen Schlag und auf einmal ist er gegen die Weissagungseiche geschlagen. Als er aus seiner Ohnmacht aufwachte, trampelte er fast auf unsere Siedlung, aber Trojon hat ihn davon abbringen können.“
„Und Ihr seid Euch sicher, dass …?“
Pyrdrak nickte. „Es geschah, wie im Schicksalsbuch geschrieben. Ein junger Mann wird kommen aus einer anderen Zeit. Fremd gekleidet. Er besitzt die Macht zu lenken des Drachen Feuers und zu verhindern den Aufstand jenseits der Mentfruberge.“
Harbor lachte höhnisch auf. „Ich hoffe, dass er das ist. Unsere Majestät wird nicht erfreut sein über einen Scharlatan. Octurian unser Magier wird ihn hoffentlich genau unter die Lupe nehmen. Ihr dürft nun gehen, Pyrdrak. Euer Auftrag ist erfüllt.“
„Sehr wohl, Mylord.“
Pyrdrak und die anderen drei Zwerge verbeugten sich und verließen den Burghof durch das mächtige Tor. Harbor, der Elf schloss es krachen und gab sich seinen Gedanken hin. Wenn Marcel wirklich eine Prophezeiung erfüllte, dann würde es nicht mehr lange dauern, bis der große Krieg ausbricht. Ein anderer Elf in schwarzer Rüstung gehüllt, trat von hinten an ihn heran. „Ich bin zurück, um Euch abzulösen, Mylord Harbor.“
Zornig blickte Harbor den Ritter an. „Dankt meiner Nettigkeit, dass Ihr Euch mit Wirtshausdirnen einlassen konntet, Grimphone.“
Der Bescholtene zuckte kurz zusammen. „Nun ja, es war die kleine Felina … Sie hatte heute … Dienst … und nach … ihrem Dienst … sind wir …“
„INTERESSIERT MICH NICHT! Kehre an deinen Posten Grimphone und lass mich in Ruhe!“
„Sehr wohl, Mylord.“
Lord Harbor lief im Eilschritt über den Burghof und begab sich zur Kleiderkammer. Dort fand er Pasnic und Marcel. Pasnic hatte Marcel eine schwarze kurzärmlige Tunika, ein rotes Wams, rote Hosen und schwarze kniehohe Lederstiefel herausgesucht. Sie schienen zu passen. Erschrocken blicke sich Pasnic zu Harbor herum.
„Eure Lordschaft …, Marcel … ist nun … fertig … für eine Audienz … bei Ihrer Majestät Königin Aluanda“, stotterte Pasnic.
„Wenigstens in dem Punkt ist mal auf dich Verlass, Pasnic. Lass mich mit unserem Gast einen Moment alleine. Ich werde ihn zur Königin bringen.“
Pasnic verbeugte sich und verließ unter dem strengen Blick Harbors die Kammer.
„Nun, Marcel. Ich bin sehr erfreut, dass Ihr zu uns gefunden habt. Stellt Euch mal vor, Ihr wäret in den Mentfrubergen gelandet. Dort wärt Ihr in großer Gefahr gewesen.“
„Wie meint Ihr das, Lord Harbor?“, fragte Marcel verwirrt.
„In den Mentfrubergen lauert das gemeine Volk der Orks und Trolle. Bisher waren beide Völker miteinander beschäftigt sich gegenseitig zu bekämpfen. Nun soll es aber einen gemeinsamen Fürsten geben und er drängt darauf sein Reich zu vergrößern und unsere Ländereien niederzubrennen. So einen wie Euch, verspeisen die zum Frühstück. Da hättet Ihr nicht nach dem Weg in Eure Zeit fragen können“, erläuterte Harbor ernst.
„Wieso erzählt Ihr mir das alles?“
Harbors Miene wurde starr. „Das soll Euch Königin Aluanda erläutern, Marcel. Folgt mir.“
Lord Harbor ging voran und ein skeptischer und immer noch unwissender Marcel Gerber folgte ihm. Sie traten auf den Burghof und gingen an zahlreichen Wachen und Soldaten vorbei. Ein prächtiges Tor mit goldenem Rahmen und zwei Portraits über dem Torbogen markierte den Weg in das Innere der Burg.
„Wer ist das auf den Bildern am Eingang?“, fragte Marcel neugierig.

„Das sind die Eltern von Königin Aluanda“, antwortete Harbor. „Sie verweilen nicht mehr unter uns. Heimtückisch sind sie einem Anschlag der Völker jenseits der Mentfruberge zum Opfer gefallen. Es gelang uns mit schweren Verteidigungsmaßnahmen die Orks und Trolle auf ihrer Seite des Berges zu drängen, doch sammelt sich dort mittlerweile so viel dunkles Blut und dunkle Seelen, dass es nicht mehr lange dauern dürfte, bis sie angreifen.“
„Ich hoffe, dass ich bis dahin wieder zurück in meiner Zeit bin“, meinte Marcel und er meinte ein höhnisches Grinsen auf Harbors Gesicht erblickt zu haben.
„Das sehen wir dann, wenn die beiden klügsten Menschen von Alplanden über Euch geurteilt haben.“
Lord Harbor klopfte an die Tür, die zum Thronsaal führte und trat ein. „Wartet kurz vor der Tür“, flüsterte er Marcel zu und verschloss die Tür hinter sich. Nervös und leicht unbehaglich wartete der junge Mann davor. Wie konnte das nur sein, fragte er sich. Eine junge Elfin schritt an ihm vorbei. Sie hatte lange braune Haare, die zu einem Zopf geflochten waren, sie trug ein bordeauxrotes Gewand und sie lächelte schüchtern, als sie Marcels Blick bemerkte. Er wollte etwas sagen, doch dann flog die Tür zum Thronsaal wieder auf.
„Ihre Majestät Königin Aluanda und der große Octurian sind bereit Euch zu empfangen, Marcel“, befahl Lord Harbor. Schüchtern gab Marcel der Frau mit seiner Hand einen Abschiedsgruß, ehe er in den prächtigen Thronsaal eintrat. Die goldene Decke wurde von mächtigen mit Edelsteinen besetzten Säulen gehalten. Die Wände glänzten in einem edlen Purpur und die weiß-goldenen Fliesen zierte ein langer roter Teppich, an deren Ende zwei Personen auf mächtigen Thronen saßen. Marcel trat näher. An einer kleinen Treppe vor den Thronen blieb er stehen, kniete nieder und senkte sein Haupt.
„Nun denn, holder Recke“, sprach die Königin mit einer zarten, aber doch einem sehr bestimmten Ton in ihrer Stimme, „dann tragt Euer Begehr vor.“
Marcel blickte auf. Die Königin war auf die vorletzte Stufe herabgetreten und eine wahre Schönheit. Sie hatte langes goldblondes Haar, grüne Augen und ein zierliches fast schon verletzlich wirkendes Gesicht. Unter einer goldenen Tunika trug sie offenbar ein Korsett, das ihre weiblichen Reize gut betonte, ein schwarzer Rock und ein purpurner Umhang rundeten das majestätische Aussehen ab. Trotz ihrer Schönheit erzählte man sich in Alplanden, dass Aluanda eine sehr gute Strategin war, die auch im Kampf zu gebrauchen war und gute Strategien entwickeln konnte.
„Eure Majestät. Ich komme von einer anderen Zeit. Irgendein Unglück hat mich aus dem Jahr 2016 und dem Ort Ronneburg in Eure Welt geschickt. Nun erbitte ich Euren Rat wieder in meine Welt zurückkehren zu können.“
Die Königin lächelte freundlich, blickte kurz zum Magier Octurian, der ihr bestimmt zunickte. „Das wird nicht so einfach sein, junger Mann. Es war kein Unglück, welches Euch nach Alplanden geschickt hat. Im Buch des Schicksals steht seit Ewigkeiten von einem jungen Mann geschrieben, der kommt aus anderer Zeit und fremd gekleidet ist. Ihm ist es bestimmt zu lenken des Drachen Feuer und zu verhindern den Aufstand jenseits der Mentfruberge, um zu wahren mein Königreich vor der Macht der Orks und Trolle. Wenn mir recht berichtet wurde, hat die Prophezeiung Euch erwählt. Ich bitte Euch, nehmt Euer Schicksal an und rettet Alplanden vor einem großen Krieg und bitteren Untergang. Danach dürft Ihr selbst wählen, ob Ihr zurückkehret in Eure Zeit oder ob Ihr wollt herrschen über Alplanden an meiner Seite.“
Marcel schluckte. Er soll ein Auserwählter sein? Es war ja nicht schwer. Er musste nur einen Krieg verhindern, ein aufständisches Volk besiegen und dann konnte er mit der Königin der Elfen, die eine echte Schönheit war, Seite an Seite regieren. Seine Gedanken schweiften zurück zur hübschen Elfe, die er vor dem Thronsaal hatte warten sehen. „Majestät“, sagte er schließlich. „Ich erbitte mir eine Nacht Gelegenheit zu überdenken mein Schicksal anzutreten.“
Plötzlich stand Octurian auf. Der alte Elf hatte eine leicht gebückte Haltung und stützte sich auf einen mächtigen Stab. Langsam trat er auf Königin Aluanda und Marcel zu. „Die Bedenkzeit sei dir gewährt, junger Kämpfer. Bedenke, dass dein Schicksal dich wieder und wieder heimsuchen wird, wenn du versuchst dich abzuwenden.“
„Lord Harbor wird Euch zu Eurem Gemach begleiten. Morgen früh, erwarte ich eine Entscheidung von Euch, Marcel. Seid kein Narr und entscheidet weise. Das Buch des Schicksals ist auf Eurer Seite.“
Mit einer einfachen Handbewegung erlaubte sie es ihm zu gehen und mit einem flüchtigen Knicks wendete sich Marcel ab und ging über den roten Teppich in Richtung der Tür. Lord Harbor erwartete ihn mit gehässigem Lächeln.
„Wahrlich“, sagte er, „Ihr seid kein Narr. Dennoch bitte ich Euch, enttäuscht uns nicht. Die Schlacht gegen die Völker jenseits der Mentfruberge werden wir dank Euch entscheiden können. Ich weiß es. Jahrelang bin ich in Schlachten und Kämpfe gezogen, aber bei keinem Kämpfer hatte ich ein so gutes Gefühl, wie bei Euch.“
Marcel überlegte, meinte es der raubeinige Elf ernst? Sie sprachen bis sie das Gemach erreichten kein Wort. „Ihr werdet hier alles finden, was Ihr braucht. Denkt gut und ausgiebig über Euren Entschluss nach. Schlaft gut“, verabschiedete sich Lord Harbor von dem Auserwählten.
Marcel betrat sein Gemach. Ein Bett mit Vorhängen, ein Schrank, ein Schreibtisch auf dem ein Krug Bier und ein Becher, sowie Obst standen und ein mit rubinenbesetztes Schwert lag. Daneben ein Pergament. Marcel trat an den Tisch, nahm das Pergament und las dessen Inhalt:
Tapferer Krieger und Auserwählter des Buches des Schicksals, vor Euch liegt das Schwert von Konik, geschmiedet aus dem Erz der Feengrotten. Diese Waffe macht Euch zum Herrn über das Drachenvolk in den Bergen von Saran. Auch im Kampf wird Euch dieses Schwert treue und wertvolle Dienste leisten. Tretet Ihr Euer Amt nicht an, so wird Alplanden zerstört und in seiner Form nie wieder existieren können. Ihr habt das Schicksal selbst in der Hand. O.
Nachdenklich las Marcel mehrmals die Zeilen. Hatte Octurian dieses Pergament hinterlegt, um die Entscheidung zu beeinflussen? Er trat an das Fenster seines Zimmers und blickte heraus. Vorübergehend würde er hier festsitzen. Sollte er Morgen von seinem Schicksal zurücktreten? Oder sollte er den Kampf wagen? Was meinte Harbor mit seinem Satz: „Bei keinem Kämpfer hatte er ein so gutes Gefühl, wie bei mir“? Nachdenkend schaute er in die anbrechende Dunkelheit. Ein Reiter in schwarzer Gewandung ritt auf einem Rappen davon. Er wirkte sehr nervös bei seinem Aufbruch. Ein Klopfen an der Tür holte Marcel aus seinen Gedanken zurück. „Herein!“, rief er.
Die Tür wurde geöffnet. Vorsichtig schaute eine junge braunhaarige Elfe in das Zimmer: „Königin Aluanda schickt mich. Sie möchte wissen, ob Euch alles zur Verfügung steht oder ob Ihr noch etwas begehrt?“
„Habt Dank, doch ich habe soweit alles, was ich brauche.“
Sie lächelte zögerlich. „Sollte Euch noch etwas fehlen, dann lasst ruhig nach mir schicken.“
„Das ist sehr lieb“, antwortete Marcel dem die Verlegenheit ins Gesicht stieg. „Wenn ich nach Euch schicken soll, sagt mir Euren Namen?“
„Ezechia“, entgegnete die Elfe verlegen.
„Das ist ein schöner Name“, antwortete Marcel verträumt und sein Gesicht wurde immer röter.
„Dankeschön, edler Recke. Lasst einfach nach mir rufen, wenn Euch etwas fehlt.“ Sie machte auf dem Absatz kehrt und schloss die Tür hinter sich. Wie zur Salzsäule erstarrt stand Marcel im Raum. Der unbeabsichtigte Zauber der jungen brünetten Elfe hatte ihn voll erwischt. Er half bei Marcels Entscheidung. Entschlossen packte sich der junge Mann das Schwert von Konik. „Im Kampf will ich dich nutzen und deine Kraft auskosten zu führen die Drachen von Saran“, flüsterte er. Dann nahm er sich den Krug, füllte ein wenig Bier in seinen Becher und nahm einen kräftigen Schluck. Es war ein starkes, aber wohlschmeckendes Getränk. Viel besser, wie das aus der Menschenwelt. „Königin Aluanda!“, rief er. „Für Euren Triumph werde ich mich dem Schicksal hingeben!“ Merkend, dass er gerade ziemlich peinlich aussah, legte Marcel das Schwert auf den Tisch und stellte den Bierbecher ab. Er zog sich aus, schlüpfte in das Nachthemd, das sich unter seiner Bettdecke befand und begab sich zu Bett. Einige Zeit grübelte er über seinen Entschluss nach, doch die Gefühle, die Ezechia in ihm ausgelöst hatten, ließen ihn bei seiner Entscheidung bleiben. Am nächsten Tag wollte er der Königin verkünden für sie in die Schlacht zu ziehen.


Du siehst noch einmal in die treuen Augen Deines Tieres,
das so lange aus deinem Leben verschwunden war,
aber nie aus Deinem Herzen

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Montag, 15. Mai 2017, 23:40

*tief verneig!!!

Das ist genial, Ed!!! °05

Bitte mehr davon!! °15


Eddard Stark

Gryffindor

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17

Dienstag, 16. Mai 2017, 21:11

Kapitel 2 – Feind in den eigenen Reihen

„Welch wichtige Nachricht vermag es zu sein, die mich den Schlaf des Gerechten kostet?“, schrie ein zorniger Ork. Es war Zorshrek, Fürst der Orks und Trolle jenseits der Mentfruberge. Ein zitternder Ork stand zum Eingang der Höhle, in welcher Zorshrek eine kleine Fürstenresidenz errichtet hatte.
„Euer Gnaden“, sagte er. „Soeben kam ein Reiter aus Alplanden mit wichtigen Neuigkeiten, bezüglich der Prophezeiung aus dem Buch des Schicksals. Und dass seine Botschaft ausschließlich für Euch bestimmt sei, Euer Grausamkeit.“
Schwerfällig erhob sich Zorshrek und warf sich einen Umhang über, der aus Knochen und Tierfellen bestand. „Schickt den Reiter in die große Halle, Bordrak und dann werde ich entscheiden, ob die Nachricht seine Freiheit wert ist oder ob ich ihn verspeise.“
„Wie Ihr wünscht, Euer Grausigkeit.“ Bordrak verbeugte sich und verließ den Eingang zur Höhle. Zorshrek ging zu einem steinernen Tisch, wo eine aus Tierknochen gemachte Krone lag. Er lächelte kalt. „Schon bald werde ich dich gegen die Kronjuwelen und Edelsteine der Königin der Alplande eintauschen“, flüsterte er grinsend.
Siegesgewiss betrat der Ork die große Halle. Dort saß eine Gestalt, in schwarz gekleidet und die Kapuze des Umhangs tief ins Gesicht gezogen. Zorshrek setzte sich auf den steinernen Thron gegenüber, blickte dem Wesen unter die Kapuze. Er erkannte ihn. „Ich grüße dich, mein kriecherischer Spion Unwyn. Was führt dich aus dem Schutz der Alplande zu mir?“
„Woher wisst Ihr, dass ich es bin?“, fragte Unwyn erstaunt.
„Weil keiner meiner anderen Spione um diese späte Stunde bei mir reinschneit. Und weil ich unter deiner Kapuze dein vernarbtes Gesicht erkannt habe“, entgegnete Zorshrek. „Nun denn, mein schleimiger Verräterverbündeter, was führt Euch zu mir?“
„Die Prophezeiung ist eingetreten, Euer Gnaden.“
„WAS?“ Die Augen des Orks leuchteten rot im Dunklen der Höhle auf. „Und dafür spannst du mich so auf die Folter?“
„Ich bitte um Vergebung, Euer Gnaden“, antwortete Unwyn unterwürfig. „Heute Nachmittag ist ein Mensch aus anderer Zeit in unsere Welt gestürzt und unserer Königin vorgestellt worden.“
„NENNT SIE NICHT KÖNIGIN, DU VERRÄTERISCHES SCHEUSAL! ICH WILL FAKTEN!“
„Sehr wohl, Euer Grausamkeit. Er wurde der Usurpatorin vorgestellt und vor die Wahl gestellt, die Prophezeiung aus dem Buch des Schicksals zu erfüllen oder in seine Zeit zurückzukehren.“
Zorshrek funkelte seinen Spion zornig an. „Und wie hat er entschieden?“
Verlegen blickte Unwyn zu Boden. „Er hat sich eine Nacht Bedenkzeit erbeten, Euer Gnaden.“
„UND MIT DIESEM MIESEN WISSEN WAGT IHR ES MIR UNTER DIE AUGEN ZU TRETEN? MICH ZU AUS DER ENTWICKLUNG NEUER STRATEGIEN ZU EROBERUNG VON ALPLANDEN ZU HOLEN!“ Zorshrek war fuchsteufelswild. Noch nicht einmal er bemerkte es, wie er sich von seinem Thron erhoben hatte. „BEI DEN GNOMEN VON ASTRAPOR, WARUM SEID IHR NICHT ERST NACH SEINER ENTSCHEIDUNG GEKOMMEN?“
„Ich …, ich… wollte Eure Gn… aden nicht … zu lange … warten lassen“, entgegnete Unwyn.
Zorshrek war zornig. Er stürmte auf Unwyn zu, packte ihn mit spielerischer Leichtigkeit am Kragen und schüttelte ihn kräftig durch. Dann ließ er ihn unsanft auf seinen Platz zurücksinken und setzte sich selbst auf seinen Thron. „Du widerst mich einfach nur an, Unwyn. Als du nach der Schlacht am Wieselsquell zu mir gekrochen kamst, wollte ich dich töten. Hätte ich meine Klauen nur tiefer in deine Visage reingeschlagen, dann bräuchte ich mich nicht über deine Inkompetenz zu ärgern.“
„Aber Eure Grausigkeit. Ich kann doch wieder zurückreiten und erfahren, wie sich der Auserwählte entschieden hat. Wenn er sich gegen sein Schicksal wendet, habt Ihr leichtes Spiel.“
„Versuchst du mich zu beruhigen, Unwyn?“, fragte Zorshrek mit einer Singsang Stimme.
Unwyn nickte kaum merklich.
„Du widerlicher kleiner Wurm! Ich brauche keine Beruhigung von jemandem, der die Loyalität zu seinem Volk untergräbt, um der wahren Macht zu dienen. Reite zurück auf die Burg Karamurg und hefte dich an die Fersen des „Auserwählten“. Und ich wünsche erst wieder deine vernarbte Visage zu sehen, wenn uns ein Angriff kurz bevorstehen sollte, hast du das verstanden?“
„Ja, Euer Grausamkeit.“
Mit einer gelangweilten Geste gab Zorshrek Unwyn zu verstehen, dass die Unterhaltung beendet war. Der dunkelgekleidete Elf stand auf und wandte sich zum Gehen um. Der Fürst der Orks und Trolle blickte dem Elfen grimmig hinterher. Bordrak, der aus sicherer Entfernung das Gespräch verfolgte trat in den dunklen Saal der Berghöhle.
„Was willst du denn jetzt hier?“, fragte Zorshrek zornig.
„Ich kam nicht umher Euer Gespräch zu belauschen, Euer Grausamkeit. Unwyn ist unsere wertvollste Figur in diesem Spiel, Euer Gnaden. Wir wissen, dass die Alpländer wahrscheinlich ihre wichtigste Waffe haben. Das ist gut. Nun bereiten wir uns langsam vor, um falls der Auserwählte sein Schicksal antritt, gewappnet zu sein. Sollte er es nicht tun, wird unser Sieg in der Schlacht noch einfacher ausfallen.“
„Du meinst, ich soll Unwyn einfach seine Aufgabe erledigen lassen ohne großen Druck?“, fragte Zorshrek argwöhnisch.
„So ist es, Euer Gnaden. Ihr seid ehrfurchtsvoll genug, ohne Drohgebärden. Spart Euch die Energie lieber für den großen Kampf. Ihr wollt Euch doch für die Schmach an Harbor rächen?“
Fürst Zorshrek dachte nach. Er erinnerte sich an die Schlacht am Brauntor nach dem Attentat auf Königin Aluandas Eltern. Lord Harbors Streitkräfte schnitten Zorshrek den Weg zu seiner Armee und zum Grenzübergang ab. Der Führer der Orks und Trolle saß in der Falle. In seiner schwarzen Rüstung mit dem Banner des goldenen Drachen ritt Harbor auf ihn zu, richtete sein Schwert auf ihn und stach mehrere Male auf ihn ein. Bevor Harbor ihm den Todesstoß versetzen konnte, griff ein Verbündeter von Zorshrek, Grindelmort Voldewald ein. Mit seinen Streitkräften, die auf Luftschlangen reitend Pfeile auf die Truppen von Lord Harbor feuerten, lenkte er die Elfen ab und rettete Zorshrek das Leben. Der schwer verwundete Ork wurde von seinen Streitkräften über die Mentfruberge gebracht und versorgt. Der dunklen Magie und den Kenntnissen der Heilkunst des Magiers Voldewald war es zu verdanken, dass er überlebte. Noch geschwächt von der Schlacht am Brauntor, führte er seine Armee in die Schlacht von Wieselsquell wo diese abermals eine bittere Niederlage schlucken mussten. Er erinnerte sich an diesen Tag zurück. Seinen Soldaten war es gelungen den Elf Unwyn in einen Hinterhalt zu locken und schwer zu verwunden. Durch schwarze Magie gaukelte man Unwyn vor, dass die eigenen Soldaten ihn verletzt hatten und man bat ihm an, für Fürst Zorshrek am Hofe von Königin Aluanda zu spionieren. Der in seiner Ehre und seinem Stolz verletzte Unwyn willigte ein. Er teilte Zorshrek sämtliche Angriffspläne und Truppenbewegungen der Alpländer mit und so konnte Zorshrek selbst taktisch geschickt agieren. Die Gefahr der Prophezeiung aus dem Buch des Schicksals, die jeder auch jenseits der Mentfruberge kannte bestand darin, dass der Auserwählte das Bündnis der Drachen auf dem Sarangebirge weckt und damit ein schier unbesiegbares Hindernis für Zorshreks Soldaten beschwört.
„Du hast Recht, Bordrak. In der Tat war ich ein bisschen hart zu diesem kleinen Kriecher. Wir müssen an den Auserwählten herankommen, ehe er das Bündnis der goldenen Drachen erweckt und wir gänzlich ohne Chance sind. Er muss sterben. Genauso wie Königin Aluanda und diesen Fatzke von Harbor werde ich schön langsam und quälend ausbluten lassen!“ Zorshrek blickte triumphierend seinen Berater an und lachte schallend auf. „Ich werde schon bald über dieses Land herrschen.“
Südwestlich der Grenze zu den Mentfruberge befand sich eine einfache Kate, an deren östlicher Seite ein Stall gebaut war. Eine alte Frau mit grauen Haaren, die von grünen Strähnen durchzogen waren blickte in die Nacht. Es war die weißmagische Hexe Elea Grünkralle. Einst hatte sie unter Aluandas Eltern am Hof als Magierin und Heilerin gewirkt. Sie konnte gut in die Zukunft blicken und war eine Musterschülerin vom großen Octurian, doch als Fürst Zorshrek das Attentat auf die Königsfamilie Ottward und Kalea verübten, war sie zutiefst betrübt die Gefahr nicht erkannt zu haben. In einer Nacht- und Nebelaktion packte sie ihre Sachen und ritt an diesen einsamen Ort an der Berggrenze. Aus dem Nichts schaffte sie sich diese spartanische Welt und obwohl Octurian alles unternahm sie an den Hof zurückzuholen, blieb sie hier, aber mit magischen Kräften im Kontakt mit dem weisen Zauberer in der Burg der Königin. Eigentlich war sie hundemüde, doch etwas raubte ihr den Schlaf. Es war ein Gefühl der Beklemmung, der ihr beim Versuch zu schlafen die Luft abschnürte. Plötzlich sah sie eine dunkle Gestalt vorbeireiten. Hatte ihr Gefühl sie doch nicht getäuscht, dachte sie bei sich. Ihr Blick veränderte sich. Von den Augen war nur noch das Weiße zu sehen. Reglos stand sie in ihrer Hexenküche, während aus einem benachbarten Baum eine Eule sich in die Lüfte schwang. Lautlos schwebte sie durch die Luft und heftete sich an die Fersen des dunklen Reiters. Der Vogel verfolgte den Unbekannten über mehrere Kilometer. An einer Weggablung gönnte der Reiter seinem Pferd eine Pause. Die Eule landete geräuschlos in einem Baum in ein paar Metern Entfernung. Sie beobachtete den Reiter, als plötzlich der Mond durch die Wolkendecke brach und den Fremden in ein fahles silbriges Licht hüllte. Die Eule fixierte ihn, blickte unter die Kapuze, die er sich tief ins Gesicht gezogen hatte. Fast hätte sie einen erschrockenen Laut ausgestoßen, doch sie hielt sich zurück. Der Reiter setzte seine Reise fort, während die Eule in die entgegengesetzte Richtung flog. Sie hatte genug gesehen und wusste, wie sie zu handeln hatte. Nach wenigen Minuten hatte sie den Ausgangspunkt erreicht. Der Greifvogel ließ sich auf einem großen Ast nieder und verfiel in den ruhigen Zustand vor dem Spionageflug. In der Hütte ein paar Meter weiter, erwachte Elea aus ihrer Trance. Es gab einen Verräter am königlichen Hof und sie hatte ihn erkannt. Auf einem einfachen Holztisch lagen verschiedene magische Utensilien, Bücher mit Zaubersprüchen und Rezepten für Zaubertränke, diverse Pergamentrollen, ein Tintenfass mit der Feder eines Adlers und eine grünlich schimmernde Glaskugel stand in der Mitte des Tisches. Elea zog die Kugel näher an sich heran und sprach eine Beschwörungsformel. Der Rauch in der Kugel fing an zu wabern. „Bitte, Octurian“, flüsterte sie. „Sei da.“ Sie wartete einige Minuten. Nichts geschah. Ist ja ganz toll, dachte Elea bei sich, wenn man den alten Meister braucht, dann ist er nicht da. Rasch nahm sie ein Blatt Pergament, tauchte die Feder in das Tintenfass und begann eilig eine Botschaft zu verfassen.
Mächtiger Octurian, ich grüße Euch. Ein Verräter befindet sich am Hofe von Königin Aluanda. Er steht in Kontakt mit dem Fürsten der Orks und Trolle. Es handelt sich um den Soldaten Unwyn, aus Lord Harbors Heer. Bitte nehmt Euch der Sache an. In der Hoffnung, dass Ihr wohlauf seid. Elea Grünkralle
Die Hexe las sich die Zeilen durch. Alles drin, dachte sie. Sie rollte das Pergament zusammen, zog sich einen Mantel über und ging nach draußen in ihren Stall. Im Stall schlief ihr Einhorn Gwynfor. Sie schlich leise vorbei, bis sie an einer Voliere mit weißen Raben stand. Elea öffnete die Tür, trat ein und weckte einen der Raben, der sofort loskrächzte.
„Sei leise Kriemhild“, flüsterte sie der Rabendame zu. „Bitte überbringe diese Botschaft dem Magier Octurian am Hofe von Königin Aluanda auf Burg Karamurg. Du weißt, wo du den findest.“
Freundlich krächzte der Vogel zurück, ließ sich geduldig die Botschaft ans Bein binden und erhob sich dann in die Lüfte. Elea blickte dem Raben eine Weile hinterher, bis er vom Dunkel der Nacht verschluckt wurde.
Mittlerweile hatte der dunkle Reiter Burg Karamurg erreicht. Der leichtgläubige Grimphone hatte Tordienst und ließ seinen Kameraden passieren.
„Warst wieder in den Wirtshäusern von Himsonia, alter Freund“, begrüßte er ihn, als Unwyn durch das Tor ritt.
„Was?“, entgegnete Unwyn erstaunt. Er brauchte einen Moment, ehe die Frage Grimphones bei ihm ankam. „Oh ja, ich habe den Dirnen ein paar Geschichten aus dem Armeedienst erzählt und im Gegenzug waren sie dann ganz freundlich zu mir.“
Grimphone schüttelte den Kopf. „Du verdienst wohl zu viel. Hier gibt’s doch auch nette Mädchen, die für einen Teil unseres Soldes mit uns alles anstellen, was wir von ihnen verlangen.“
„Vielleicht möchte ich einfach nicht deine vorgerittenen Huren abgreifen“, giftete Unwyn. „Entschuldige mich, ich begebe mich nun zu Bett.“
Unwyn stieg von seinem Pferd und führte es am Zügel in die Stallungen. Die Kapuze hatte er längst abgenommen. Das Mondlicht fiel auf den Hof der Burg, während Unwyn in seine Unterkunft ging und erschöpft auf sein Lager fiel. Mein Leben habe ich für diese Usurpatorin riskiert und mit so einem weiteren Leben wird es von ihr gedankt, dachte er bei sich und der Zorn steigerte sich ins Unermessliche. „Wenn nur die Königin nicht mehr wäre“, flüsterte er und strich über seinen Dolch, der an seinem Gürtel hing. Der Mond leuchtete strahlend weiß durch sein Fenster und blendete ihn leicht, sodass er sich zur anderen Seite drehte, um endlich die Augen schließen zu können. Dadurch entging ihm der weiße Rabe, der an seinem Fenster vorbei in Richtung des großen rotgoldenen Turmes flog.
Das Hufgetrampel machte ihn stutzig. Mit müdem Blick trat Marcel an das Fenster seines Gemaches und blickte hinaus. Er sah, dass der Elf mit der dunklen Kapuze wieder zurückgekehrt war. Sein Gesicht war von Narben gezeichnet, das gab das schwache Mondlicht wieder. Seltsam, dass die Krieger von Königin Aluanda zu solch später Stunde zurückkehrten, dachte er. Er beobachtete die Szenerie, bis der Reiter mit seinem Pferd in den Stallungen verschwunden war, dann schenkte sich Marcel noch einen Schluck des Bieres ein und legte sich wieder schlafen. Er wollte fit sein, wenn er der Königin seine Treue schwor.
Der Morgen war angebrochen und die ersten Strahlen der Sonne fielen in Marcels Schlafgemach. Müde rieb er sich die Augen, machte sich frisch und zog sich an. Da er nicht wusste, wo auf der Burg das Frühstück stattfand, aß er ein wenig von den Trauben und dem Apfel, die von gestern noch übrig geblieben waren und spülte das Ganze mit einem letzten Schluck des Bieres herunter. Er musste Harbor unbedingt nach dem Namen für dieses Getränk fragen. Sein Schwert nahm er in die rechte Hand. Er fand es merkwürdig, dass man ihm keinen Gürtel mit einer Schwertscheide dazugelegt hatte. Andererseits wäre ihm vielleicht dann auch nicht diese prächtige Waffe aufgefallen. Langsam schritt er zu seiner Tür, öffnete sie und trat auf den Gang. Marcel versuchte sich zu orientieren und zu erinnern, welchen Weg er gestern mit Harbor gegangen war. Er ging ein paar Schritte als er einem Höfling über den Weg lief. Dieser entschuldigte sich hektisch, dass er fast in den Auserwählten reingerannt war und Marcel hatte alle Mühe ihn zu beruhigen.
„Ihr braucht Euch nicht zu entschuldigen. Genau genommen bin ich froh, dass wir uns über den Weg gelaufen sind. Ich möchte wissen, wie ich in den Thronsaal gelange, da ich der Königin etwas mitteilen möchte.“
Der Höfling lächelte entschuldigend, ehe er antwortete: „Das tut mir leid. Die Königin ist aktuell noch beim Frühstück in ihren Gemächern. Wenn es Euch nichts ausmacht, dann würde ich Euch holen, sobald die Königin im Thronsaal ist. Es sollte nicht mehr so lange dauern.“
„In Ordnung, Jüngling, dann warte ich auf meinem Zimmer und Ihr holt mich, sobald Ihre Majestät da ist.“
Der Elf verbeugte sich tief und ließ Marcel zurück. Er befolgte den Rat und kehrte in sein Gemach zurück. Ein wenig Gesellschaft, jemanden zum Reden wäre nicht schlecht war sein Gedanke. Die Warterei weckte Unruhe in ihm. Das miese Gefühl sollte ihn nicht täuschen.
Im rotgoldenen Turm der Burg war Magier Octurian so sehr in seine Wissenschaften und Magie vertieft, dass er über seinen Büchern eingeschlafen war und nichts bemerkte. Noch nicht einmal das ständige Klopfen am Fenster hatte ihn erwachen lassen. Die zarten Strahlen der Sonne weckten ihn aus seinen Träumen. Hektisch griff er seinen umgefallenen Spitzhut und setzte ihn sich auf sein kahles Haupt, welches von einem weißen Haarkranz umrahmt wurde. Octurian rückte seine Brille gerade und blickte sich um. Auf der Fensterbank saß ein weißer Rabe, der ihm bekannt vorkam. Er eilte zum Fenster öffnete es vorsichtig. Der Vogel wachte aus seinem Schlaf und flatterte zornig in den Raum. Octurian hatte alle Mühe den Botenvogel zu beruhigen. Nachdem er sich ausgetobt hatte, setzte sich der weiße Rabe auf den Schreibtisch und hielt den Fuß mit der Botschaft in die Höhe. Der Magier verstand und band vorsichtig die Rolle vom Bein des Raben und streichelte ihm sanft über den Kopf.
„Tut mir leid, dass ich dich heute Nacht nicht bemerkt habe. Irgendwie muss ich über meinen Büchern eingenickt sein“, entschuldigte er sich bei dem Tier, das ein sanftes Krächzen von sich gab. Um sich zu entschuldigen kramte der Magier in den Taschen seines Mantels und wurde schließlich fündig.
„Hier“, sagte er und fütterte den Vogel mit ein paar Keksen. Der Kuriervogel war zufrieden.
„Dann wollen wir doch mal sehen, was du mir bringst“, murmelte Octurian und rollte das Pergament auseinander und überflog den Inhalt.
„Das sind ja ganz schreckliche Botschaften, die du mir da bringst“, meinte er, als er geendet hatte. „Das sieht nicht gut aus für die Königin.“
In der Eile kritzelte er eine Antwort auf Pergament und befestigte diese am Bein des Raben. Dann gab er ihm noch einen kleinen Keks und ließ ihn durch sein Fenster starten. Hastig packte Octurian seinen magischen Stab und eilte so schnell es sein Alter zu ließ die Treppen hinunter. Er musste Königin Aluanda dringend warnen.
Die Königin von Alplanden hatte ihr Frühstück eingenommen und wurde von zwei Pagen in den Thronsaal gebracht. Ihre Kammerzofe, die Elfe Ezechia, die Marcel vergangenen Abend kennenlernte, räumte mit zwei weiteren Dienerinnen Geschirr und Besteck zusammen.
„Ezechia“, rief Aluanda und winkte die angesprochene Elfe zu sich.
„Ja, Eure Majestät“, antwortete Ezechia.
„Was denkt Ihr? Wie wird Marcel sich entscheiden? Ist er entschlossen sich seinem Schicksal zu stellen oder lässt er uns mit wehenden Bannern untergehen?“
Ezechia neigte den Kopf. „Ich weiß es nicht, jedoch spüre ich bei ihm ein gutes Herz und viel Großmut. Er wird sich richtig entscheiden, da bin ich mir sicher.“
Aluanda zwang sich ein Lächeln ab. „Dann bin ich guter Dinge und traue Eurem Optimismus, Ezechia. Ihr dürft nun gehen.“
Mit einem tiefen Hofknicks drehte sich die Zofe um und half weiter beim Abräumen. Königin Aluanda ließ sich von ihren Pagen in den Thronsaal führen, der zwei Räume weiter lag und durch zwei Hintertüren von ihrem Gemach zu erreichen war. Sie hatte den Thronsaal kaum betreten, als ihre beiden Pagen von Schmerzen gepeinigt zusammenbrachen. Eine blutverschmierte Klinge wurde Aluanda an den Hals gehalten.
„Kein Mucks, Majestät oder ich schlitze Euch die Kehle auf!“, zischte die Stimme.
„Wer seid Ihr und was wollt Ihr?“, fragte Aluanda und sie klang mutiger als sie war.
„Das tut nichts zur Sache! Ihr werdet brav das tun, was ich von Euch verlange!“
Der Unbekannte zerrte sie unter der Bedrohung eines Dolches in Richtung an den Thronen vorbei zu einem großen Tisch, auf welchem Pergamentrollen lagen, sowie ein Tintenfass mit Schreibfeder und königliche Siegel.
„Soll ich jetzt etwa malen?“, fragte Aluanda zynisch.
Der Druck des Dolches auf der Kehle nahm zu. Ein kleiner Schnitt bildete sich am Hals aus dem blaues Elfenblut tropfte. „Wir sind wohl zu Scherzen aufgelegt, Majestät!“, entgegnete der Geiselnehmer. „Mein Wille ist es, dass Ihr Eure Abdankungserklärung schreibt und mich als Nachfolger einsetzt. Damit zahlt Ihr endlich den Preis, den ich für meinen teuren Einsatz bei der Schlacht am Wieselsquell bezahlt habe.“
„Und wenn ich mich weigere?“
„Tretet Ihr automatisch ab. So wie sich Eure beiden Pagen verabschiedet haben!“
Aluanda erstarrte. Sie hatte keine Wahl. Wie immer war sie unbewaffnet vom Frühstück in den Thronsaal gegangen. Gewalt lehnte sie ab, nur wenn es nötig war sich zu verteidigen. Dass nun ein Elf, einer aus dem eigenen Volk sich an ihr verging und die Abdankung verlangte, war ein Schock. Das Auffliegen der Vordertür riss Aluanda aus ihren Gedanken. Octurian stand erschrocken im Saal. Der alte Magier betrachtete das Szenario und wollte seinen Stab auf den Angreifer richten. Doch der Geiselnehmer hatte ebenfalls den Aufruhr bemerkt. Unsanft stieß er Aluanda nach vorne, sodass diese fast stürzte. Mit der dolchfreien Hand, hielt er ihren Arm noch immer umklammert. Aluandas Blick war von Todesangst geprägt.
„Ein Spruch von dir, alter Mann und ich werde die Königin als Schutzschild verwenden!“, drohte der Angreifer.
Octurian überlegte. Wie konnte er die Königin retten, ohne sie in Gefahr zu bringen. Einen Moment lang hielt er seinen Stab zum Angriff bereit, doch dann ließ er ihn sinken.
„Braver Mann“, spöttelte der Angreifer, der sein Gesicht hinter einer schwarzen Maske und Kapuze verbarg. „Und nun legt den Stab ganz langsam auf den Boden und kommt zu mir.“
Octurian tat wie ihm geheißen wurde. Er legte den Stab auf den Boden und trat vor. Als er auf einer Höhe mit dem Unbekannten war, stieß dieser ihm mit der Faust in die Magengrube, sodass der alte Magier zu Boden stürzte und sich nicht mehr rührte.
„NEIN!“, schrie Aluanda entsetzt auf. „DU MIESER KLEINER MÖRDER! WAS HAST DU GETAN?“
„Ich habe ihn ins Reich der Träume geschickt. Er ist alt. Seine Weisheit könnte mir nach deinem Rücktritt noch von Nutze sein, Euer Majestät. Und nun schreib!“
Er drückte Königin Aluanda zum Tisch. Widerwillig setzte sich die Königin. Noch immer spürte sie das Messer an ihrer Kehle. Sie nahm sich eine Rolle Pergament und breitete sie vor sich aus. Es widerte sie an, das Opfer zu sein, doch sie hatte keine Chance. Widerstrebend griff sie nach der Feder, tauchte sie in das Tintenfass und begann nach Diktat des Unbekannten zu schreiben.
Durch den Schrei aufgeschreckt, warf ein Höfling einen flüchtigen Blick in den großen Saal. Der Angreifer und die Königin waren zu sehr miteinander beschäftigt, sodass sie ihn nicht wahrnahmen. Er ahnte, dass es hier um Leben und Tod ging. Lord Harbor schoss es ihm durch den Kopf, doch der war dabei die Truppen für ihre Dienste einzuteilen. Es blieb nur noch eine Wahl. Hastig eilte er den großen Korridor entlang, in der Hoffnung sein Plan würde funktionieren.
Marcel lag ausgestreckt auf seinem Bett und wartete, dass seine Bekanntschaft ihn bald zur Königin bringen würde. Von dem Trubel, der im Thronsaal herrschte hatte er nichts mitbekommen, da die Wände sehr dicht waren und jeglichen Lärm schluckten. Plötzlich flog die Tür zu seinem Gemach auf. „Königin … ist … in … Ge… fahr …! Oc… tu… rian … am Boden … im Thronsaal. Alles so … schrecklich! Brauche Hilfe!“
Marcel wandte sich um. Der Höfling mit dem er in der Frühe zusammengestoßen war, stand hektisch nach Luft schnappend im Türrahmen und blickte flehend in Marcels Richtung. Der Panik in seinen Augen ahnte Marcel, dass es um Leben und Tod ging.
„Die Königin ist in Gefahr, sagst du?“, fragte er. Der Elf nickte. Marcel griff das Schwert auf dem Tisch. „Im Thronsaal?“ Wieder nickte der Elf.
„Ihr müsst Euch beeilen. Ich bringe Euch hin.“
Ohne eine Sekunde zu verlieren stürmten die beiden los. Für den Austausch von Förmlichkeiten war keine Zeit. Jede Sekunde war kostbar, genauso wie jeder Atemzug. Als sie den Thronsaal mit der großen Halle fast erreicht hatten, schlichen sie sich langsam herein. Der Angreifer schien zu sehr mit der Durchsetzung seines Willens beschäftigt zu sein.
„Ich werde mich heranschleichen und versuchen ihn von hinten zu überwältigen“, flüsterte Marcel. „Drückt mir die Daumen, dass er Ihre Majestät nicht verletzt.“
Mit panischem Blick nickte der Elf und beobachtete, wie der Kämpfer seinen Plan in die Tat umsetzte. Marcel schlich an die gegenüberliegende Wand, presste sich mit dem Rücken an diese und schob sich langsam entlang. Er ahnte nicht, was Aluanda tun musste. Das Schleichen schien schier endlos zu sein. Es ist eigentlich wie Geocachen, dachte er bei sich. Dann stieß er sich von der Wand ab und näherte sich dem Unbekannten. Nach den Erfahrungen der Nacht hatte er schon eine vage Vermutung, wer sich hinter der Maske verbarg. Plötzlich wurde die Hintertür geöffnet und Ezechia betrat den Raum. Der Angreifer verlor den Fokus auf Königin Aluanda.
„Eure Majestät“, rief Ezechia. „Die Küche möchte wissen, was Ihr zu Mittag wünscht.“
„Deinen Kopf!“, zischte er der Angreifer und schleuderte den Dolch auf die brünette Elfe.
„DU ELENDES SCHEUSAL!“, schrie Marcel auf und stürzte sich auf den unbewaffneten Angreifer. Dieser war von dem Angriff überrascht und wurde von Marcel festgemacht. Das blitzende Schwert in der Hand, erhoben über den Angreifer kniete der Auserwählte auf ihm.
„B… bitte … tut … mir nichts“, stöhnte er.
„Du verdienst nichts anderes als den Tod, du Verräter!“, knurrte Marcel, der das Schwert an die Kehle drückte.
„Marcel …“ Eine erstickte Stimme lenkte seine Aufmerksamkeit kurzzeitig vom Angreifer ab. Er blickte nach links. Auf dem Boden lag Ezechia. Der Dolch steckte in ihrer Schulter. Er drehte sich um zum Angreifer, der frech grinste. „Wenigstens drei Elfen werden wohl mit mir sterben“, spottete er. „Sei dir da mal nicht so sicher, du Bastard!“
Mit gezielten Schlägen schlug Marcel den Angreifer K.O. Unter Schock stehend saß Aluanda auf ihrem Stuhl, den Blick auf Ezechia gerichtet. Marcel wandte sich nun der Zofe zu. Der Dolch steckte tief in der Schulter der Elfe und blaues Blut befleckte das weiße Gewand, das sie trug. Vorsichtig zog er den Dolch heraus, riss ein Stück vom Ärmel seiner Tunika und versuchte die Blutung zu stillen.
„Bleib bei mir“, flüsterte er. „Nicht einschlafen.“
Schwach blinzelten die Augen Ezechias. Er musste irgendwie den Druckverband fixieren, dachte Marcel bei sich. Kurz löste er den Druck vom Stoff, den er auf die Wunde drückte und riss einen langen Streifen der Tunika ab. Dann drückte er wieder auf die Wunde und band mit der anderen Hand den Streifen herum und fixierte diesen mit einem Knoten.
„Eure Majestät“, rief er. „Wer kennt sich bei Hofe mit Medizin aus?“
Aluanda erwachte aus ihrer geschockten Trance. „Der Magier. Octurian“, antwortete sie. „Aber der ist ohnmächtig.“
„Versucht ihn aufzuwecken“, sagte er.
„Wie denn?“
„Schlagt ihm auf die Wangen. Schüttelt ihn sanft. Versucht irgendwie eine Regung in seinen Körper zu bekommen.“
Die Königin erhob sich und kniete sich an Octurians Seite. Motiviert versuchte sie die Ratschläge von Marcel umzusetzen.
„Was mache ich, wenn unser Angreifer wieder zu sich kommt?“, fragte sie.
„Daran will ich gar nicht erst denken“, antwortete Marcel, der hoffte dass der Höfling Hilfe geholt hatte.
„Er kommt zu sich“, schrie Aluanda und tatsächlich: Langsam schlug der alte Magier die Augen auf. „Eure Majestät, woher wusstet Ihr, wie man eine Ohnmacht löst?“
„Der Auserwählte war mir behilflich. Er hat den Angreifer niedergerungen und kämpft um das Leben von Ezechia. Sie wurde von dem Dolch, der mich bedrohte schwer getroffen. Helft ihm!“, flehte sie weinerlich. „Bitte.“
Octurian gab sich Mühe auf die Beine zu kommen und stolperte zu Marcel. Er beobachtete die verletzte Elfe und prüfte den Druckverband. „Tragt sie nach nebenan, schnell!“, befahl er.
Behutsam nahm Marcel die Zofe der Königin und hielt sie mit beiden Armen. Octurian nahm das Schwert und nickte ihm aufmunternd zu. „Los jetzt.“
„Aber was ist, wenn der Angreifer wieder zu sich kommt?“, fragte er. „Ich weiß wer er ist. Er hat gestern das Gelände verlassen und …“
Octurian unterbrach ihn. „Das ist jetzt irrelevant. Ich weiß es im Übrigen auch. Und seht.“ Der weise Magier wandte sich um: „Da kommt Lord Harbor mit ein paar Soldaten seiner Garde bis auf die Zähne bewaffnet. Da wird er kaum den Aufstand proben. Und jetzt retten wir das Leben Eurer Freundin.“
Marcel wollte etwas erwidern, doch er konnte nicht. Er folgte dem alten Magier durch die Hintertür und legte die Elfe auf ein Bett. Octurian öffnete vorsichtig den Knoten des Verbands und schaute sich die Wunde an.
„Da hat unser Unwyn gute Arbeit geleistet. Etwas tiefer und er hätte das Herz unserer lieben Ezechia getroffen. Du hast gut und richtig gehandelt, junger Mann", meinte Octurian zu Marcel. Der alte Magier griff in einen ledernen Beutel an seinem Gürtel und fingerte eine Phiole heraus. Vorsichtig öffnete er den Deckel und träufelte ein wenig von einer blauen Flüssigkeit auf die Wunde. „Pass genau auf“, lächelte er sanft.
Die Blutung stoppte und ein Heilungsprozess der Haut trat in Gang. Die Augen der jungen Elfe waren noch immer geschlossen.
„Was ist das?“, wollte Marcel wissen.
„Eine Medizin, hergestellt aus dem Saft der Moosbeere, den Blüten der Eisblumen, die oben im Sarangebirge wachsen, sowie ein paar geheimen Kräutern“, antwortete Octurian leise. „Sie wird jetzt schlafen und heute Abend sollte es ihr besser gehen.“
„Aber …“, wandte Marcel ein, doch es schien als ob der Magier die weiteren Worte kannte.
„Du kommst mit in den Thronsaal und berichtest, was passiert ist. Danach darfst du zu ihr. Lass sie noch ein wenig ruhen.“
Widerwillig nickte Marcel und folgte dem alten Magier. „Eine Frage hätte ich allerdings noch, Octurian.“
„Stell sie mir.“
„Warum legt Ihr die höfische Förmlichkeit mir gegenüber ab?“
Der Elfenzauberer lächelte erneut. „Du hast ein reines Herz und eine gute Entscheidung gefällt. Auch wenn deine Herkunft eine andere, wie die Unsere ist, so gehörst du nun zu uns.“
Mit dieser mysteriösen Antwort gab Marcel sich zufrieden. Sie betraten den Thronsaal. Königin Aluanda saß auf ihrem Thron. Die Schrecken des dramatischen Angriffs steckten ihr noch immer in den Gliedern. Am Tisch, hatte Lord Harbor Platz genommen und hatte Unwyn gefesselt unter seiner Kontrolle. Magier Octurian nahm auf dem Thron neben der Königin Platz. Sie lächelte und das verlieh ihrer Aura ein wenig Farbe. Dann wandte sie den Blick zum Helden des Tages.
„Wir sind Euch zu Dank verpflichtet, Marcel. Ihr habt wahrhaftig Mut und Herz bewiesen und dazu beigetragen, dass es nicht zu einem größeren Blutvergießen gekommen ist. Ich trauere um meine beiden Pagen Illyrio und Leglas, die Opfer eines feigen Attentäters wurden. Doch verspreche ich, dass der Tod der beiden nicht umsonst gewesen ist!“
Eine Mischung aus Zorn und Trauer lag in ihrem Gesicht. Marcel erkannte, dass eine Träne die rechte Wange entlang floss.
„Ihr habt eine Nacht Bedenkzeit von mir verlangt“, fuhr sie fort, die Stimme etwas kräftiger. „Wie habt Ihr Euch entschieden?“
„Euer Majestät“, antwortete Marcel. „Zunächst einmal bin ich genauso erschüttert und traurig über den Verlust der beiden Pagen und fühle mich von Eurem Dank geehrt. Ich habe meine Entscheidung getroffen und werde das Schwert von Konik führen, um die Prophezeiung aus dem Buch des Schicksals erfüllen.“
Leichter Applaus brandete unter den Anwesenden auf und die Königin nickte stolz. „Wir sind überglücklich von Eurem Entschluss zu hören. Ihr habt ein wahrhaft großes Herz. Es gibt nur noch etwas, worum ich Euch bitten möchte.“
„Worum geht es Eure Hoheit?“
Verächtlich blickte sie in Richtung Unwyn. „Wir werden noch heute Gericht über diesen Dreck in unseren Fingernägeln halten. Wenn er zum Tode verurteilt wird, habt Ihr die Pflicht als Sieger des Duells das Urteil zu vollstrecken!“
Marcel schluckte. Irgendwie hatte er sich den Beginn im Hofstaat von Königin Aluanda ganz anders vorgestellt. Den Gedanken verdrängend nickte er. „Ich bin bereit.“
Octurian stand vorsichtig auf, ging auf Marcel zu und reichte ihm das Schwert. „Einen Waffengürtel mit passender Schwertscheide bekommst du von Lord Harbor. Es war übrigens seine Idee dich mit dem Schwert zu überzeugen.“
Von seinem Platz aus nickte Lord Harbor mit freundlicherer Miene.
„So sei es gesprochen“, verkündete die Königin. „Wir treffen uns umgehend im Gerichtssaal.“
Octurian und Aluanda gingen durch die Hintertür aus dem Thronsaal, während Marcel zu Lord Harbor ging. Er führte den Gefangenen vor sich her. „Ich bin stolz auf Euch“, sagte er unvermittelt. „Ihr seid im Herzen wahrhaft anders, als Ihr von außen wirkt.“
„Wie meint Ihr das?“
„Nun ja. Als ich Euch das erste Mal gesehen habe, dachte ich, dass Ihr schneller den Weg nach Hause antretet als dass ich meinen Krug Bier leere, doch Ihr seid nicht nur geblieben, sondern habt wahren Heldenmut bewiesen. Ich wäre zu spät gekommen und dieser Schuft hätte unser Königreich in den Untergang geschickt.“
„Ich hatte Glück“, entgegnete Marcel. „Hätte er seinen Dolch nicht auf Ezechia geworfen, wäre er bewaffnet gewesen und der Königin hätte schlimmes widerfahren können. Meine Erwägung war, dass ich mich anschleiche und ihm von hinten die Waffenhand abschlage.“
„Ein sehr guter Plan, wenn er gut umgesetzt wird“, urteilte Harbor. „Den Waffengürtel und die Schwertscheide holen wir nach der Verhandlung beim Waffenschmied. Ich musste da noch etwas ändern lassen.“
„Vielen Dank.“
Danach verfielen die beiden ins Schweigen. Das Gerichtsgebäude lag zwischen den beiden mächtigen Burgtürmen. Als Lord Harbor und Marcel mit dem gefangenen Unwyn den Saal betraten, saßen die Königin und Octurian bereits auf ihren Plätzen an einem hohen Tisch.
„Führt den Verräter in die Mitte, Lord Harbor“, befahl Königin Aluanda und Lord Harbor tat, wie ihm befohlen.
„Nun, dann sprecht. Über Euer Motiv, Euren Auftraggeber, Eure Loyalität. Wir möchten hören, was Euch zu dieser Untat verführte!“, sprach Octurian mit mächtiger Stimme.
Schweigend stand Unwyn in der Mitte des Raumes und schüttelte den Kopf.
„Ich verstehe“, meinte Aluanda nach einer Weile. „Ihr seid mir nicht loyal ergeben. Dann bitte ich Octurian das erste Dokument zum Beweis Eurer Schuld zu verlesen.“
Octurian räusperte sich: „Ich erhielt am heutigen Morgen ein Pergament von unserer ehrenwerten Verbündeten Elea Grünkralle. Sie berichtete, dass der Elfensoldat Unwyn heute Nacht von den Mentfrubergen zurückritt und dabei sehr nervös wirkte. Er war schwarzgekleidet und hatte die Kapuze so tief es ging ins Gesicht gezogen. Auch wird ihm nachgesagt, dass er mit diesem Besuch im Bündnis mit dem Fürst der Trolle und Orks steht. Trifft das zu?“
„Ihr habt doch eh das Urteil über mich schon gefällt. Was spielt es noch für eine Rolle, wenn ich mich äußere.“
„Vielleicht um Eure eigene Haut zu retten“, zischte Lord Harbor. „Wenn Ihr uns Gründe vorweisen könnt, die Eure Gräueltat mildern, dann fällt auch das Urteil entsprechend aus.“
Aluanda nickte. „So ist es.“
Marcel räusperte sich. „Wenn ich etwas einbringen dürfte. Als ich gestern Abend in meinem Gemach nachdachte, sah ich wie er im gleichen Aufzug von der Burg ritt. Später in der Nacht hörte ich ihn zurückkommen und sah, wie er zu den Stallungen schlich. So verhält sich keiner, der loyal gegenüber seiner Königin ist. Zum Glück konnte wirklich Schlimmeres verhindert werden.“
Unwyn schluckte, als wäre sein Urteil bereits gefällt worden.
Der weise Magier rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her und räusperte sich. „Also ist es wohl klar, welches Spiel Ihr spielt, Unwyn. Ihr spioniert uns aus, für Fürst Zorshrek! Für diesen Frevel an Eurem Volk gehört Euch das Todesurteil.“
„NEIN!“, entfuhr es Unwyn.
„Ihr wollt Euch äußern?“, fragte Aluanda.
Unwyn blickte ins Leere. Er traute sich nicht weder die Königin noch Octurian anzusehen. „Es war doch Euer Heerführer Lord Harbor, der mich verraten hat. Damals in der Schlacht am Wieselsquell. Er befürchtete wohl, dass ich seinen Rang streitig machen könnte, also lockte er mich in einen Hinterhalt und griff mich an. Gefunden wurde ich von Fürst Zorshrek und seinen Schergen. Sie kümmerten sich um mich. Als Gegenleistung sollte ich spionieren. Und für diesen Hinterhalt von Harbor tat ich es gerne.“
Entsetzt blickten die Königin, Octurian und Marcel zu Lord Harbor. Sein Augenlid zuckte unkontrolliert auf und ab. „Ich weiß nicht, was man Euch in den Kopf gesetzt hat, Unwyn, doch seid versichert, dass ich Euch als Führer über Eure Truppen sehr geschätzt habe. Bis zu den Geschehnissen des heutigen Tages hatte ich mir vorstellen können, Euch als meinen Nachfolger auszubilden. Unsere Truppen wurden in der von Euch angesprochenen Schlacht abgeschnitten. Nach unserem Sieg suchten wir nach Euch, doch Ihr wart verschwunden. Wir fanden nur Euer Ross, von Feindeshand erschlagen.“ Lord Harbor ließ die Worte wirken, ehe hinzufügte. „Wir suchten nach Euch, mussten Euch bei der Königin als verschollen melden, ehe Ihr zwei Wochen nach der Schlacht zurückgekehrt seid.“
Octurian blickte zwischen Lord Harbor und Unwyn hin und her. „Unwyn“, sagte er. „Ich kenne Euch von Kindheitstagen an. Euch muss übel mitgespielt worden sein. Teile von Eurer Geschichte sind wahr und das Meiste von Lord Harbors Stand der Dinge. Die Lösung des Falles ist denke ich ganz einfach. Ihr wurdet von Euren Truppen abgeschnitten, seid überfallen worden und durch schwarze Magie in eine andere Realität transferiert worden. Nicht Lord Harbor hat Euch hintergangen, sondern der Feind, den wir alle fürchten: Fürst Zorshrek. Stimmt Ihr mir zu?“
Nachdenklich stand der Elf da und blickte von einem zum anderen. Die Wirkung der schwarzen Magie von Grindelmort Voldewald schien von ihm abzufallen. „Ich muss naiv gewesen sein“, flüsterte er beschämt.
Octurian nicke. „Gegen Zorshrek und der Magie von diesem Voldewald ist noch kein Kraut gewachsen. Da ist jeder anfällig. Seid Ihr Euch nun Eurer vollen Schuld bewusst, was Ihr getan habt?“
Tränen rannen über den Wangen von Unwyn. Er blickte zur Königin: „Majestät. Ich habe das nicht gewollt. Drei Elfen habe ich heute getötet. Das kann niemand wieder gutmachen.“
Unwyn wandte sich ab und rannte auf Harbor und Marcel zu, die ihre Schwerter zückten, um ihn aufzuhalten. Er war nur noch ein paar Schritte entfernt, als Marcel sein Schwert wegwarf und ihn mit einem kräftigen Bodycheck zu Boden warf und dort festhielt.
„Lasst es gut sein, Unwyn. Wartet doch auf das Ende des Prozesses“, zischte Marcel.
Nur widerwillig ließ sich Unwyn wieder an seinen Platz in der Mitte des Saales führen. Schmerzverzerrt hielt sich Marcel die rechte Schulter.
„Ihr habt gut reagiert“, flüsterte Harbor Marcel zu. „Der Kerl wollte sich in unsere Schwerter stürzen, sodass wir wie Mörder aussehen, obwohl er den Freitod gewählt hat.“ Marcel nickte kurz zurück und lauschte den Worten von Königin Aluanda.
„Wir haben genug gehört und Beweise vorgelegt bekommen“, sprach sie majestätisch. „Ich werde ein Urteil über Euch fällen, Unwyn das Eurer Tat und den Rahmenbedingungen vollauf angemessen ist. Ihr habt ZWEI Elfen getötet und eine weitere schwerverletzt. Des Weiteren habt Ihr Eure Königin als Geisel genommen und wolltet sie zum Rücktritt nötigen. Die Gesetze von Alplanden sehen hierfür den Tod des Frevlers vor. Doch in Eurem Fall sind uns neue Beweise vorgelegt worden, die Eure Schuld in gewisser Weise einschränkt. Weswegen ich Euch wegen Verrates unter Einfluss schwarzer Magie dazu verurteile Eure Rüstung abzulegen und in den Stallungen als Vorarbeiter für Eure Tat zu büßen.“
Unwyn schluckte und fühlte, als wenn ihm der Boden unter den Füßen weggezogen wurde. „Ich soll Pferdeknecht spielen?“
„So ist es Unwyn. Kein Verräter in Alplanden soll je wieder eine Waffe in die Hand gedrückt bekommen oder eine Rüstung tragen dürfen. Nicht, wenn er sie gegen die Krone erhoben hat.“
Plötzlich trat Marcel nach vorne. „Eure Majestät. Dürfte ich einen Einwand hervorbringen?“
Die Königin rollte mit den Augen. „Wieso tretet Ihr für den Frevler ein?“
„Unwyn handelt offensichtlich als Spion und wir wissen nun, dass er für Fürst Zorshrek in unserem Reich spioniert. Warum sollten wir unseren Gegner misstrauisch machen, dass er andere Wege findet uns auszuspionieren, die wir nicht kennen. Mit Unwyn wissen wir, wen wir haben und wir können Zorshrek die Nachrichten, die er übermittelt bekommen soll, manipulieren.“
Königin Aluanda und Octurian blickten sich an. Auch Lord Harbor hatte Probleme den Ausführungen des Auserwählten zu folgen. „Ihr meint, wir belassen Unwyn in Amt und Würden und schicken ihn mit falschen Fakten regelmäßig über die Mentfruberge zu Fürst Zorshrek?“, fragte Octurian skeptisch.
Marcel nickte. „Genauso meine ich es, großer Octurian. Wir verpacken die Fakten, das heißt die Nachricht muss einen Funken Wahrheit enthalten, legen aber ein faules Ei um diese Hülle.“
„Ein faules Ei?“, fragte Aluanda.
„Sehr wohl Eure Majestät. So spricht man in meiner Welt von Versprechungen oder Aussagen, die nicht ganz der Wahrheit entsprechen.“
„Und wie wollen wir sicher gehen, dass Unwyn sich loyal verhält?“, wollte Octurian wissen.
Marcel wandte sich zu dem Angeklagten. „Ich denke nicht, dass Unwyn so dreist sein wird und sein Königreich ein zweites Mal verrät. Insbesondere weil ihm dann wirklich nur der Tod erwarten dürfte, hab ich Recht, Majestät?“
Die Königin nickte. „So soll es sein. Unwyn darf sich weiterhin in unserem Heer als Krieger befinden. Doch verrät er uns, soll das Schwert den Kopf von seinem Hals trennen.“ Aluanda machte mit ihrer Hand eine entsprechende Geste, um ihrer Aussage noch mehr Eindruck zu verleihen. „Aber“, fügte sie, „hier bei Hof werdet Ihr Eure Waffen und Rüstung ablegen.“
Mit diesen Worten verließ sie durch die Hintertür den Saal. Zauberer Octurian folgte ihr und es war ein Lächeln auf den Lippen des Magiers zu sehen. Lord Harbor und Marcel begleiteten Unwyn nach draußen.
„Ich kümmere mich um Unwyn und sammele seine Repressalien ein“, meinte Harbor gelangweilt. „Ihr wisst wo der Waffenschmied ist. Holt meinen Auftrag dort ab. Sagt ihm Harbor hat zu tun.“
Mit einem Klaps auf die Schulter verabschiedete sich Lord Harbor von Marcel und führte Unwyn zu den Räumlichkeiten über den Stallungen. Das Schwert von Konik in der rechten Hand haltend ging Marcel zum besagten Waffenschmied. Der Waffenschmied bewohnte ein zweistöckiges Haus. Im Erdgeschoss befanden sich seine Schmiede und der Verkaufsraum, wo er seine Waren feilbot. Eine Etage darüber wohnte er mit seiner Ehefrau und den vier Kindern auf engem Raum. Vorsichtig näherte sich Marcel der offenen Werkstatt, wo der Schmied gerade dabei war einen Satz Hufeisen für ein Pferd zu fertigen. Mit einem zischenden Laut fiel das glühend heiße Eisen in den Eimer mit kaltem Wasser, ehe es auf den Huf geschlagen wurde. Als er geendet hatte, betrachtete er seinen Gast.
„Entschuldigt, Ihr seid?“, fragte er.
„Ich bin Marcel“, entgegnete Marcel und reichte ihm die Hand. „Ich bin derjenige, von dem in der Prophezeiung aus dem Buch des Schicksals berichtet wird und ich soll von Lord Harbor etwas abholen.“
„Erfreut“, antwortete der Schmied. „Nennt mich Robban. Ihr sollt also etwas für Lord Harbor abholen?“
„So ist es. Er wollte es selber tun, aber er ist leider indisponiert mit einem Malheur in seinem Heer, weswegen er mich bat seine Bestellung bei Euch abzuholen, Robban.“
„Natürlich. Wartet hier.“
Ohne viel Brimborium ging Robban aus der Werkstatt in den Verkaufsraum und wühlte kurz hinter dem Tresen. Zum Vorschein kam ein schwarz-roter lederner Gürtel mit goldener Schwertscheide, auf die ein Drachenschädel geprägt war. Robban lächelte freundlich und reichte es Marcel. „Ich sollte es ein wenig anpassen, da Ihr doch nicht so kräftig wart, wie Harbor es meinte. Probiert ihn ruhig an.“
Vorsichtig schnallte sich Marcel den Gürtel um. Er war schwer, doch das Schwert passte hervorragend in die Scheide. Über das letzte Loch schloss er den Gürtel. Er saß wie angegossen. „Sehr gute Arbeit“, lobte er. „Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.“
„Euer Lob ist mir Dank genug und gezahlt hat Lord Harbor auch schon für meine Dienstleistung. Viel Glück und den Segen der Schicksalsgötter wünsche ich Euch.“
Marcel lächelte zaghaft. „Habt Dank.“
Stolz wie Oscar betrat er die Burg und wollte sich auf den Weg zu seinen Gemächern machen, als er beinahe mit Magier Octurian zusammenstieß.
„Verzeiht, das wollte ich nicht.“
„Nichts passiert“, entgegnete der alte und weise Elf. „Ich wollte dich aufsuchen.“
„Oh mein Gott, ist etwas mit Ezechia?“
Octurian nickte. „Die Tropfen haben ausgesprochen gute Wirkung gezeigt. Wenn du magst, darfst du sie für einen Moment besuchen.“
Erleichtert nickte Marcel. „Sehr gerne.“
Ohne ein weiteres Wort führte der alte Magier Marcel in das Gemach, wo sie Ezechia am Morgen hingebracht hatten. Sie lag in ihrem Bett. Das blutbefleckte Gewand hing über einem Stuhl am anderen Ende des Raumes. Dort wo die Wunde war, war ein kleiner Verband befestigt worden. Ezechia lächelte als sie ihren Helden in den Raum spazieren sah. Vorsichtig nahm Marcel ihre Hand und hielt sie sanft fest.
„Wie geht es Euch, Ezechia?“, flüsterte er.
„Alles wird gut werden“, antwortete sie. „Dank Euch, mein tapferer Held.“
Sie blickte ihm tief in die Augen und wie von Feuerhand wurde ihm ganz heiß. „Das war doch gar nichts. Jeder hätte so gehandelt, um das Königreich vor dem Verderben zu bewahren. Doch es wäre kein schönes Königreich gewesen ohne Euch.“
Ezechia lächelte. „Alles wurde so leicht, so hell auf einmal, ehe Ihr gekommen seid und mich versorgt habt. Ich hätte es auf ewig bedauert diese Welt verlassen zu müssen, ohne …“
Sie hielt inne. „Ohne was?“, fragte Marcel.
„Ohne zu wissen, wie die Lippen eines Helden schmecken.“ Unvermittelt zog sie ihn näher an sich heran und drückte ihm einen langen und intensiven Kuss auf die Lippen, den Marcel zärtlich erwiderte. Das Räuspern von Octurian unterbrach das kleine Glück. „Ein Held schmeckt sehr gut“, flüsterte Ezechia liebevoll. „Und küssen tut er noch besser.“
„Euer Kuss führte mich auf eine Wiese voller wohlduftender Blumen unter strahlend blauem Himmel, wo man nur das Rauschen eines kleinen Baches vernehmen kann“, antwortete Marcel.
„Ich freue mich schon auf ein Wiedersehen.“
„Das werdet ihr bald haben“, warf Octurian ein. „Ihr zwei Turteltauben, aber du Ezechia brauchst ein wenig Ruhe. Und Marcel dürfte mächtig Hunger nach der ganzen Aufregung haben.“
Octurian hat einen wunden Punkt getroffen. Tatsächlich hatte Marcel seit dem kurzen Imbiss nach dem Aufstehen nichts mehr zu sich genommen und sein Magen gab ihm leise knurrend verstehen, dass er Hunger hatte.
„Ich wünschte, ich könnte Euch zum Essen begleiten“, wisperte Ezechia. „Aber das werde ich bald.“
„Das wirst du, Ezechia. Ruhe dich heute noch ein wenig aus und wir sehen morgen weiter“, meinte Octurian sanft.
„Bis bald, Ezechia“, verabschiedete sich Marcel leise und drückte ihr einen zarten Kuss auf die Lippen.
„Auf bald, mein starker Held“, murmelte Ezechia und erwiderte den Kuss. „Doch, nennt mich Ezy.“
Sanft lächelnd sank sie zurück in die Kissen und schloss die Augen. Der Tag war kräfteraubend für sie gewesen und ihr zarter Körper forderte nun seinen Tribut. Leise verließen Octurian und Marcel den Raum und traten in die große Halle, wo Königin Aluanda mit Lord Harbor und einigen wichtigen Soldaten am Tisch saßen und die beiden erwarteten.
„Es ist nur ein kleines Festmahl“, sagte die Königin, als sie Marcel bemerkte, „aber ich hoffe wir können damit nur ein klein wenig ausdrücken, wie dankbar wir Euch sind.“
„Ich habe Euch zu danken, Majestät. Das sieht hervorragend aus“, erwiderte Marcel und blickte auf die prächtig gedeckte Tafel. Es gab verschiedene Vorspeisen, Fleisch, Fisch, Pasteten, diverse Soßen, Bier, Wein und einen lecker aussehenden Pudding. An der Seite von Lord Harbor nahm Marcel Platz und tat sich ein wenig auf seinen Teller. Der königliche Mundschenk füllte ihm etwas Bier in seinen Becher.
„Lasst auf alle Fälle ein wenig Platz für den Nachtisch“, meinte Lord Harbor freundlich. „Der Waldbeerenpudding ist ein einziger Genuss. Ein Nachtisch für Götter.“
„Danke, Mylord“, antwortete Marcel. „Das werde ich auf alle Fälle berücksichtigen. Doch vorher muss ich wissen, was ist das für ein überaus schmackhaftes Bier? In meiner Welt kriegt das keine Brauerei so hin.“
Harbor lachte. „Ihr habt eine komische Welt wo Ihr her seid. Eigentlich ist es ganz einfach. Wir nehmen frisches Wasser aus dem Wieselsquell, Hopfen, Gerste und Malz. Dann wird das Ganze gebraut und gegoren und zum Schluss fügen wir noch eine Stange Schwarzwurzel hinzu und das war’s dann auch.“
„Schmeckt sehr intensiv und lecker. Bestimmt durch die Schwarzwurzel. Danke Lord Harbor.“
„Bitte nennt mich nur Harbor, mein Freund“, erwiderte der Hauptmann freundlich. „Lord Harbor bin ich nur für meine Feinde und die Feinde der Krone.“
„Sehr gerne, Harbor.“
Die beiden lächelten sich an und wendeten sich dann dem Essen zu. Es war ein relativ schweigsames Mahl, an dessen Ende die Königin den verstorbenen Pagen gedachte. Das erste Mal seit zwei Tagen richtig gesättigt, ging Marcel in sein Gemach und legte sich schlafen. Er fühlte sich nicht als Fremder, sondern heimisch in dieser mysteriösen Welt.


Du siehst noch einmal in die treuen Augen Deines Tieres,
das so lange aus deinem Leben verschwunden war,
aber nie aus Deinem Herzen

Eddard Stark

Gryffindor

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Wohnort: Main-Kinzig-Kreis & Sachsen-Anhalt

Beruf: Telefonseelsorger, Angestellter, Musiker und Jäger der verlorenen Tupperdose

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Dienstag, 23. Mai 2017, 23:12

Kapitel 3 – Die Jägerin

Die aufgehende Sonne hatte kaum Kraft, um die Berggegend zu erwärmen, doch das war der Person egal. Sie war komplett in schwarz gekleidet und trug einen schwarzen Umhang mit Kapuze, die sie sich tief in ihr Gesicht gezogen hatte. Vorsichtig blickte sich die Gestalt um und lächelte. In dieser unwegsamen Landschaft war sie dank ihrer Fähigkeiten im Vorteil. Seelenruhig steckte sie einen hölzernen Stab in eine Tasche, die an ihrem Gürtel befestigt war. Die Person war der magischen Künste mächtig und konnte sich von einem Ort zum anderen teleportieren. Die restliche Strecke wollte sie zu Fuß gehen, denn das Ziel, was sie suchte schweifte des Öfteren in den Morgenstunden durch die felsige Landschaft. Es dauerte nicht lange, als die Gestalt in ihrem Gang innehielt und sich an eine schroffe Felswand presste. Eine rothaarige hagere Frau, die in Kleidung aus verschiedenen Fellen gekleidet war und Pfeil und Bogen bei sich trug, eilte an dem schwarzgekleideten Wesen vorbei.
„Hab ich dich also gefunden, Ginygritte!“, rief die Kapuzengestalt.
Irritiert stoppte die Angesprochene ab und wandte sich um. Die unbekannte Gestalt trat aus ihrem Versteck und näherte sich mit langsamen Schritten.
„Wer seid Ihr?“, fragte Ginygritte und sie richtete ihre Waffe auf die schwarze Gestalt.
Diese lache höhnisch und hob beschwichtigend die Arme. „Steck dein Spielzeug wieder weg, ich habe einen Auftrag für dich.“
Skeptisch hob sie die Augenbraue, ehe sie ihre Waffen senkte. „Auftrag? Was soll das für ein Auftrag sein?“
„Du bist interessiert? Freut mich. Dann will ich mich dir offenbaren. Ich bin Grindelmort Voldewald.“
Die Gestalt nahm im selben Moment die Kapuze ab und Ginygritte erschrak. Vor ihr stand ein Elf, größer von der Statur als die Elfen aus dem Königreich, seine Glatze war von Narben durchzogen, seine Augen schlitzförmig und rotleuchtend. Seine Haut glänzte und wies Schuppen, wie die eines Reptils auf.
„Ihr herrscht über diese Wesen, die man Nachtelfen nennt und seid der dunklen Künste mächtig?“, fragte sie erschrocken und sie bereute es schon fast, dass sie sich umgedreht hatte.
„So ist es, meine Schöne. Und so lange du brav mitspielst, stehst du unter meinem Schutz und meiner Herrschaft.“ Er zog sein Gesicht zu einem höhnischen Grinsen.
„Was verlangt Ihr also von mir?“, entgegnete Ginygritte ohne auf das Gesäusel von Grindelmort Voldewald einzugehen.
„Immer zur Sache auf den Punkt kommen, das hört man von dir und das finde ich gut“, erwiderte der schwarze Magier. Er zog einen Beutel, der schwer klimperte aus seiner Tasche. „Hier befinden sich 10.000 Argon, also 10.000 Silberstücke. So viel verlangst du doch für deine Aufträge?“
Ginygritte nickte mit ernstem Gesicht. „So ist es. Was soll ich tun?“
„Zuerst einmal möchte ich, dass du nach Alplanden reist und die Burg Karamurg unter die Lupe nimmst. Dort soll sich meinen Quellen zu Folge ein Mensch befinden, der gekommen ist die Prophezeiung aus dem Buch des Schicksals zu erfüllen.“
„Und ich soll die Lage auskundschaften und ihn töten?“, fragte Ginygritte.
Grindelmort schüttelte den Kopf. „Nein, du sollst ihn schwächen und zu mir bringen. Ich brauche ihn noch, um alles zu bekommen, was mir zusteht.“
Ginygritte verstand. „Ihr wollt ihn nicht an Zorshrek ausliefern?“
Der Zauberer lachte dunkel. „Nicht, dass dich was angehen würde, aber Zorshreks Herrschaft über Alplanden wäre ein Alptraum. Nein, ich werde ihn ausspielen und herrschen.“
„Und nach Euch? Wer käme dann an die Krone? Euer Volk soll ziemlich besitzergreifend und kriegerisch sein in Nachfolgekriegen.“
Die schmalen roten Augen von Grindelmort Voldewald blitzten gefährlich auf. „Es gibt nicht viel, was mich auslöschen kann, Ginygritte. Und es gäbe da gewiss die eine oder andere Kandidatin, die mir einen Erben schenken dürfte.“
„Ich will es besser gar nicht weiter wissen“, entgegnete Ginygritte hastig und nahm den Beutel an sich. „Ich werde sogleich alles vorbereiten und dann über die Berge nach Alplanden reisen.“
„Ausgezeichnet, meine Liebe.“
Sie wandte sich zum Gehen um, als Grindelmort sie heftig am Arm packte und zu sich zog. „Solltest du allerdings versagen“, zischte er, „wirst du in Zukunft nicht mehr zum Jagen kommen! Dann werde ich dich meinem Volk als Hure vorwerfen.“ Er drückte ihr einen Kuss auf die Lippen, ehe er sie losließ und sie angewidert nach hinten stolperte und rücklings auf dem Boden lag. „Gut liegen kannst du schon mal“; spottete er, zog seinen Zauberstab und teleportierte sich weg.
Angewidert und beschämt lag die rothaarige Frau auf dem Boden. Sie gehörte weder zur einen noch zur anderen Seite. Ihr Vater war ein Nachtelf, der ihre Mutter eine Elfe in Alplanden vergewaltigt hatte. Von beiden Seiten ausgestoßen, zog ihre Mutter sie in dieser Berggegend groß, bis sie als Ginygritte anfing für sich selbst zu sorgen sich aus Gram über das Geschehene in den Tod stürzte. Bis heute empfand Ginygritte Groll gegen den königlichen Hof von Königin Aluanda. Aluandas Vater Ottward, der ihrer Mutter mehr hätte helfen können. Zornig sprang sie wieder auf die Beine, klopfte sich den Dreck aus der Fellkleidung und trat den Weg zu ihrer Hütte an, wo ihre Waffen lagerten. Sie packte einen Dolch, ein Kurzschwert und Pfeil und Bogen ein. In einer Tasche verstaute sie etwas Proviant, eine weiße Tunika mit einem schwarzen Rock, um sich vor Ort besser tarnen zu können und füllte ihre Feldflasche mit dem Quellwasser des Berges. Lange stand sie an der Quelle und dachte nach. Sie verabscheute die Elfen, die im Schutz des Königreiches Alplanden stand, doch dieser Grindelmort Voldewald war ihr auch nicht ganz koscher. Es war ihr Job Auftragsmorde durchzuführen und sie lebte nicht schlecht davon, denn gerade die Nachtelfen schickten gerne einen ungeliebten Konkurrenten in den Tod und sie waren durch die angrenzenden Argon-Mienen sehr wohlhabend. Andererseits dachte sie, würde sie den Auftrag nicht ausführen, würde Voldewald sie zu einer Hure der Nachtelfen machen. Ihr wurde schlecht von diesem Gedanken. Einen Menschen sollte sie entführen und zu dem schwarzen Magier bringen, was soll dabei schon schiefgehen, dachte sie bei sich. Menschen hatten in Alplanden und Umgebung den Ruf über keine besonderen Kräfte verfügen zu können. Selbst, wenn dieser Mensch der Auserwählte aus der Prophezeiung war, so konnte er nicht besser als ein Elf oder ein Nachtelf sein. Ginygritte tauchte ihre Hände in das kalte, klare Wasser Bergquelle und wusch sich ihr Gesicht. Es war erfrischend und dämpfte die Hitze der Aufregung. Dann nahm sie ihr Bündel auf und trat die Reise bergabwärts in Richtung Königreich an.
Auf Burg Karamurg von Königin Aluanda herrschte reges Treiben. Mit Übungswaffen ausgestattet ließ Lord Harbor den Schwertkampf trainieren und auch den Auserwählten Marcel Gerber schickte er in die Trainingsstunde.
„Im Angriff seid Ihr super, Marcel, aber Ihr müsst besser parieren!“, rief er seinem Schützling zu, als dieser sich einem Stockangriff seines Trainingspartners ausgesetzt sah.
„Es ist mit Stöcken gar nicht so einfach, wie es aussieht“, entgegnete Marcel und versuchte verzweifelt die Angriffe zu parieren. Ein Stockschlag traf ihn auf seinen Lederschutz, den am Oberkörper trug.
„Tz tz tz“, grinste Harbor kopfschüttelnd. „Seid froh, dass wir nur Stöcke benutzen. Ein richtiges Schwert hätte Euch jetzt verwundet und auf einem Schlachtfeld, fernab einer Burg kann das tödliche Folgen haben.“
Marcel Gerber und sein Übungspartner standen sich verschwitzt gegenüber. „Du musst darauf achten, was ich mit den Augen machen“, sagte der Soldat, der mit Marcel übte. „Pass auf. Sieh mir genau in die Augen.
Marcel gab sich alle Mühe die Anweisung umzusetzen. Er fixierte die Augen des Elfen und führte seinen Stock entsprechend. Nach holprigem Beginn parierte er jeden Schlag mit einer Meisterleistung.
„Links hoch“, rief der Gegner und Marcel vollzog diese Bewegung, während er unten rechts zustieß.
„He, du hast doch gesagt Links hoch“, protestierte Marcel.
„Ich habe es gesagt, aber meine Augen haben meine Bewegung verraten“, entgegnete er. „Schalt in der Schlacht die Ohren aus und verlasse dich ganz auf deine Augen. Für einen Auserwählten hast du echt gut gekämpft.“
„Das war ordentlich“, bestätigte Harbor, der herbeigeeilt kam. „Strewberry hat Euch ganz schön rangenommen.“
Der Angesprochene lächelte und reichte Marcel seine Hand. „Ich bin ein Bastard und das nicht nur von Geburt“, erzählte er. „Als uneheliches Kind ist es sehr schwer sich durchzusetzen, du musst dir alles erkämpfen. Vielleicht liegt mir deshalb der Schwertkampf so gut.“
„Freut mich deine Bekanntschaft zu machen“, antwortete Marcel. „Dir möchte ich wahrlich nicht auf dem Schlachtfeld gegenüber stehen.“
Strewberry lachte charmant auf. „Das sagen so einige Recken, die mir gegenüberstanden, dass sie sich gewünscht diese Begegnung wäre nie passiert.“ Er reichte Marcel seine Feldflasche. „Nimm dir einen Schluck, mein Freund.“ Marcel tat ihm den Gefallen, öffnete den Deckel und schnupperte am Getränk.
„Was ist das?“, wollte er wissen.
„Soldaten Ale“, antwortete Strewberry freundlich. „Es ist vielleicht nicht ganz so fein, wie das Bier auf der Burg, aber es wird dir trotzdem schmecken. Und man kann es unterwegs selber gut brauen.“
Mit skeptischem Blick nahm Marcel einen Schluck. Für den ersten Moment fühlte es sich an, als wäre ein Pelz über seine Zunge geronnen, aber dann entfaltete das Getränk seine volle Wirkung. Es war nicht so süffig wie das Bier auf der Burg, aber es hatte eine herrliche herbe Note, die gleichzeitig auch erfrischte.
„Wie findest du es mein Freund?“
„Anfangs dachte ich, du wolltest mich vergiften, aber wenn sich der Geschmack voll entfaltet ist es echt lecker. Danke, Strewberry.“
„Nicht dafür. Sag mal, was erzählt man über dich? Du hast dich in die hübsche Zofe unserer Königin verschossen?“
Marcel erschrak. „Woher weißt du?“
Strewberry lächelte. „Der Kampf mit Unwyn hat sich schnell herumgesprochen und so wie du bei ihr reagiert hast, da müsste man blind sein, um das nicht zu erkennen. Also, stimmt es?“
Mit leicht geröteten Wangen antwortete Marcel: „Ja, ich habe mich in Ezechia verliebt und ihr geht es nicht anders.“
Stolz klopfte Strewberry Marcel auf die Schultern. „Na aber hallo. Und sie ist von edlem Geschlecht. Ihre Cousine ist die Königin, also verpatze es nicht bei ihr.“
„Das habe ich nicht gewusst. Sie ist die Cousine der Königin?“
„Lass dich davon nicht abschrecken. Im Vergleich zur kämpferischen Jungfrau unserer Königin, ist Ezechia ein kleiner Wildfang. Meinen Avancen konnte sie leider widerstehen, doch vielleicht bin ich halt nur für das Kämpfen bestimmt und nicht für die Liebe“, meinte Strewberry nachdenklich.
Nun war es an Marcel seinen neuen Freund aufzuheitern. „Jetzt male mal nicht so schwarz, Strewberry. Für dich wird es bestimmt auch jemanden geben. Es wird ja nicht nur die Königin und Ezechia als Damen hier auf der Burg geben.“
„Da liegt das Problem“, entgegnete Strewberry. „Auf dem Feld bin ich ein Heißsporn, mutig, tapfer und weiß das Risiko einzuschätzen. Bei Frauen mache ich mir seit dem Korb von Ezechia in die Hosen.“
Er blickte sich um. Sie waren ungestört von den Anderen. Man merkte, wie sehr diese Schüchternheit an ihm nagte. „Armer Krieger“, grinste Marcel, um sofort nachzusetzen. „Was hältst du davon, wenn ich Ezy von deinem Problem erzähle. Vielleicht kann sie dir behilflich sein. Die Königin hat so viele Dienerin, da wäre es doch gelacht, wenn du da leer ausgehst.“
„Und was ist, wenn sie mich auslacht?“, fragte Strewberry.
Marcel zuckte mit den Schultern. „Dann war es nicht die Richtige. Man darf nur nicht die Hoffnung aufgeben und den Kopf in den Sand stecken.“
„Du meinst so?“
Strewberry hatte sich auf den Boden gekniet und versuchte mit seinem Kopf durch die Sägespäne zu dringen.
„Was machst du da?“, schrie Marcel entsetzt und versuchte den Elf vor dem Ersticken zu retten. Rasch hatte er den Kopf befreit und Strewberry blickte ihn verwirrt an. „Du sagtest doch, Kopf in den Sand stecken.“
„Alles klar, ich muss mit solchen Sprichwörtern hier vorsichtig sein“, sagte Marcel zu sich selbst, ehe er sich an Strewberry wandte. „Nein, das war nur eine bildliche Darstellung von Aufgeben oder Nichtaufgeben. Man bezeichnet das so in der Welt, wo ich herkomme.“
„Ach so.“
„Und die Geschichte würde ich meinem Date aber nicht erzählen, nicht dass sie schreiend vor dir wegrennt“, grinste Marcel.
„Date? Was ist das?“, fragte Strewberry.
Verdammt, dachte Marcel bei sich, ich muss echt besser an die Fernsehserien halten. „Also ein Date ist eine Bekanntschaft, ein Rendezvous oder eine Romanze. Oder ganz einfach ein Treffen mit der Frau, beziehungsweise Elfe, die du gerne kennenlernen möchtest.“
„Ach so. Lass uns zum Mittag in die „Schwarze Sonne“ einkehren.“
„Schwarze Sonne?“
Strewberry nickte. „Jetzt hab ich was, was du nicht kennst. Die Schwarze Sonne ist eine Taverne im Osten des Burghofes. Dort gibt es die allerbeste Forelle und die nettesten Dirnen. Wie sieht es aus? Kommst du mit?“
„Also die Forelle klingt nicht schlecht, aber die Dirnen überlasse ich dir.“
„Das ist nett. Übrigens, nenn mich ruhig Strew. Das ist kürzer. Stell dir vor, du bist in der Schlacht in Not und willst mich rufen, dann ist Strew schneller ausgerufen, als Strewberry. Spätestens beim Berry hast du dann das Schwert durch die Kehle bekommen.“
Marcel lächelte. „Wie nett. Das muss wirklich nicht sein.“
Die beiden Kämpfer gingen über den Übungsplatz in Richtung Osten. Ein Haus mit schwarzen Ziegeln und einigen Rissen in den Wänden erwartete sie. „Die Schwarze Sonne“. „Nach dir, mein Freund“, sagte Strewberry vergnügt und so betraten sie das Lokal. An einem Holztisch mit zwei wacklig aussehenden Holzstühlen nahmen die beiden Platz. Eine schwarzhaarige, anmutige Elfe trat an den Tisch. Ihr Gewand war kurz geschnitten und betonte ihre weiblichen Reize. Sie trug kniehohe Stiefel mit Absatz und sorgte dafür, dass Strewberry seine Blicke nicht von ihr lassen konnte.
„Seid gegrüßt, die Herren. Was darf es denn sein?“, fragte sie mit einem verführerischen Augenaufschlag.
Marcel hatte als Erstes die Fassung gefunden und antwortete: „Eine Forelle nach Art des Hauses und habt Ihr Soldaten Ale?“
Die Elfe lächelte. „Na klar. Semjon, der Eigentümer dieses Wirtshauses hat es persönlich erfunden. Und für deinen Freund, Strew?“
„Ich nehme das gleiche, Senja“, antwortete er.
„Kommt sofort“, entgegnete sie lächelnd und ging zurück an den Tresen.
„Das ist deine Gelegenheit, Strew“, flüsterte Marcel. „Sie mag dich und du magst sie. Wo ist dein verdammtes Problem?“
Strewberry verzog das Gesicht. „Sie mag doch jeden Gast. Die machen hier allen schöne Augen.“
„Was ist, wenn sie das einfach nur macht, weil sie sich irgendwie ihr Dach über den Kopf verdienen will? Weil ihr kein edler Krieger mit gutem Sold zur Verfügung steht?“, fragte Marcel.
„Du meinst?“
Marcel nickte. „Sprich sie an. Mach ihr Komplimente. Versuch ein Treffen mit ihr außerhalb der Taverne zu vereinbaren.“
„Aber wie …?“, wollte Strew einwerfen, als Senja mit zwei gut gefüllten Krügen Bier auftauchte und sie den beiden Männern servierte.
„Sagt mal, Senja“, begann Marcel und achtete gar nicht auf die Tritte, die ihm Strew unter dem Tisch versetzte. „Mein Freund ist ein bisschen schüchtern und so frage ich in seinem Namen, wann Euer Dienst heute endet?“
Die Schwarzhaarige grinste geschmeichelt in Strews Richtung, der puterrot anlief. „Ich habe heute Tagschicht, das heißt, wenn die Sonne untergeht, endet auch mein Dienst.“
Marcel versuchte mit Blickkontakt Strewberry die nächste Frage stellen zu lassen. Der tapfere Krieger wirkte fast wie ein Häufchen Elend in der Gegenwart von Frauen, doch er probierte es. „W… willst du, wollt Ihr Euch … nach … Eurem Dienst … auf ein kleines Abendessen im Kerzensche… in treffen? Also nicht hier, in dieser überaus schönen Taverne, sondern in Kuhlidorf gibt es ein nettes Wirtshaus, wo Elfen und Zwerge, die was von sich halten einkehren“, fügte er schnell hinzu.
Senja lächelte. „Das war doch jetzt nicht so schwer, mein lieber Strewberry. Mögt Ihr mich heute Abend hier abholen?“
Strewberrys Augen funkelten. „Sehr gerne.“ Er nahm seinen Krug mit dem Bier und prostete Marcel zu. „Danke, mein Kamerad und auf Euch, liebe Senja.“ Er setzte den Krug zum Trinken an, verschüttete vor Aufregung einen großen Schluck auf seinem Wams. Senja lachte liebevoll auf, ging an den Tresen und holte ein Tuch, mit dem sie Strewberry die Stelle trocknete. „So sieht’s doch besser aus. Ich schau mal, was die Forellen für Euch und Euren Freund machen. Bis gleich.“
Strewberry blickte ihr verliebt hinterher. Ihre Hüften schwankten in einem verführerischen Takt, von dem der Kämpfer ganz gefesselt war. Marcel grinste und nahm einen Schluck Bier. Als er den Krug abgestellt hatte, blickte er in das Gesicht seines neuen Freundes.
„Sag mal, hast du sie noch alle?“, fragte er leicht verärgert.
„Warum? Ist doch alles gut gelaufen. Und glaub mir, sie mag dich auch. Schau mal.“
Am Nebentisch hatte einer sein Bier verschüttet, doch es kam keine Senja oder eine andere Bedienung, die das Malheur beseitigten. Strewberry grinste stolz, doch dann veränderte sich seine Miene. „Was soll ich denn heute Abend mit ihr machen?“
Marcel überlegte kurz. „Du führst sie schick essen, liest ihr jeden Wunsch von den Lippen ab und bringst sie nach Hause. Damit hast du schon den ersten Keim deiner Liebe gepflanzt.“
„Kannst du denn nicht mitkommen?“, fragte er.
Marcel schüttelte den Kopf. „Ich würde gerne, aber Ezechia darf heute aus dem Krankenlager aufstehen und sie wollte sich bei mir bedanken.“
Strewberry nickte. „Ah stimmt, das hatte ich ganz vergessen. Dann haben wir beide heute ein, wie nanntest du das noch gleich? Ein Date?“
Marcel hob den Krug und prostete Strew zu. „Du lernst schnell. Auf dich und deine Liebe.“
„Auch so.“
Sie lachten und scherzten eine Weile, ehe Senja mit zwei dampfenden Holzbrettern ankam auf denen zwei dampfende Forellen lagen. Umrankt wurde die Speise mit verschiedenen Gemüsen und einer Kräutersahnesauce. Marcel lief bei dem Anblick das Wasser im Mund zusammen. „Du hast nicht übertrieben, Strew. Das sieht lecker aus.“
„Könnte ich einen Kameraden wie dich, jemals belügen?“, fragte Strewberry grinsend.
„Weiß nicht. Sag du es mir.“
„Na, ihr scheint euch ja königlich zu amüsieren“, unterbrach die schwarzhaarige Bedienung die Unterhaltung. „Einmal Forelle mit Gemüse und Kräutersahnesauce für den Vorfühler.“ Sie reichte Marcel das eine Brett. „Und noch einmal Forelle mit Gemüse und Kräutersahnesauce für den mutigen Krieger, der dann doch noch seine Zunge gelöst bekommen hat. Lass es dir schmecken.“
„Dankeschön.“
Strew und Senja warfen sich zärtliche Blicke entgegen, ehe Senja ihre Arbeit wieder aufnahm und an hinter den Tresen zurückkehrte. Marcel genoss den leckeren Fisch, während Strew mehr oder weniger im Essen herumstach.
„Schmeckt es dir nicht?“, wollte Marcel wissen.
„Doch schon. Aber ich bin einfach tierisch nervös“, erwiderte Strewberry.
„Ich verstehe. Das ist leicht zu erklären. Du hast Schmetterlinge in deinem Bauch. Und bevor du nachschaust, nein du hast nichts Falsches gegessen. Das sagt man in meiner Welt so, wenn man verliebt ist und die Gefühle auf dem absoluten Höhepunkt sind. Liebe schließt gewissermaßen den Magen.“
„Ach so“, seufzte Strewberry erleichtert. „Ich dachte schon, dass ich etwas Falsches gegessen habe oder dass es gar kein Fisch, sondern ein Insekt war.“
Marcel gluckste und verschluckte sich fast an einem Stück Fisch. Mit einem guten Schluck Soldaten Ale spülte er den Hustenreiz hinab. Die beiden aßen sich gut unterhaltend auf und gaben Senja ein gutes Trinkgeld.
„Was hast du noch vor?“, fragte Strewberry als sie über den Hof der Burg liefen.
„Eigentlich ausruhen oder das was Harbor geplant hat. Ich hoffe, dass es das mit dem Üben und Trainieren war. Ich bin irgendwie etwas müde und will eigentlich für Ezy heute fit sein“, erwiderte Marcel und gab sich Mühe ein Gähnen zu unterdrücken.
„Ah, ich verstehe. Fit sein“, schloss Strewberry augenzwinkernd. „Ich werde mal mit Harbor reden, dass er dich ganz besonders rannimmt.“
„Unterstehe dich“, konterte Marcel und hob lachend seine Faust.
„Schon gut“, gab Strewberry lachend zurück. „Ohne dich hätte ich nicht dieses Rendezvous mit dieser Schönheit.“
„Du sagst es.“
Sie schritten Richtung Burgtor, als Lord Harbor ihnen entgegengelaufen kam. Marcel schickte ein Stoßgebet gen Himmel, dass es das mit dem Üben heute gewesen war.
„Strewberry. Marcel. Wie gut, dass euch beide hier treffe.“
Marcel schwante bei diesen Worten Übles. „Wie können wir Euch helfen, Harbor?“
„Ich möchte, dass Ihr Euch morgen um die Mittagsstunde im Thronsaal einfindet. Ihre Majestät möchte sich mit uns beratschlagen, was die Strategie mit Zorshrek und seinen Schergen betrifft. Was hattet Ihr denn befürchtet?“
Marcel und Strewberry spürten beide ein Gefühl der Erleichterung. „In Ordnung, Ihr könnt mit uns rechnen“, erwiderten sie aus einem Mund.
„Das freut mich. Gehabt Euch wohl.“
Sie beobachteten den großen Hauptmann, wie er an ihnen vorbeilief und in den Stallungen der Soldaten verschwand.
„Das war knapp“, flüsterte Marcel.
„Du sagst es“, entgegnete Strewberry. „Lass uns ein wenig ausruhen, damit wir fit für unsere Holden sind. Wir sehen uns dann Morgen.“
„Mach’s gut. Viel Erfolg. Du wirst es schaffen, da bin ich mir sicher.“
„Danke.“
Marcel kehrte langsam in sein Gemach zurück, zog seine verschwitzte Trainingsausrüstung aus und machte sich frisch. Danach schlüpfte er in ein frisches Hemd, zog eine schwarze Hose an, mit schwarzen Stiefeln und streifte sich ein rotbraunes Wams über das Hemd. Er betrachtete sich in dem kleinen Spiegel, der am Fenster stand. Das Klopfen an seiner Tür riss ihn aus seinen Gedanken. „Herein!“, rief er und die hölzerne Tür wurde geöffnet. Magier Octurian stand mit Ezechia in der Tür. „Guten Abend“, begrüßte ihn der alte weise Mann. „Ich hoffe das Training hat dir gut getan?“
„Lord Harbor und Strewberry haben einen ganz schön hart rangenommen, aber am Ende waren sie sehr zufrieden mit mir.“
„Du hast es im Blut“, erwiderte der Magier. „Laut dem Buch des Schicksals ist der Auserwählte ein Meister im Schwertkampf.“ Hinter ihm scharrte Ezechia nervös mit den Füßen. „Oh ja, ich vergaß, dass ich dir die liebe Ezechia vorbeibringen sollte. Du weißt ja, das Alter. Man schwelgt in Erinnerungen und vergisst ganz die Zeit.“
Octurian trat zur Seite und Ezechia trat vor. Dankbar und ohne weiteres Wort fiel sie Marcel in die Arme. Lange hielten sie inne, ehe sich hinter ihnen Octurian räusperte.
„Wenn ihr beiden Turteltäubchen euch einen Moment gedulden könnt, dann lasse ich gerade die Pagen mit dem Essen in dein Gemach, Marcel“, meinte der alte Magier der Elfen freundlich.
Verschämt unterbrachen sich die beiden Liebenden und Marcel nickte kurz und höflich. „Lasst sie rein, Octurian.“
Der Magier klatschte in die Hände und vier Pagen, in Uniform der Königin traten in das Zimmer und servierten Platten mit köstlichem Essen und platzierten es auf dem Tisch. Die Platten hatten ein köstliches Menü parat. Es gab eine heiße Waldpilzterrine, verschiedene Gemüse, Hirschbraten und gegrillten Fasan. Dazu gab es einen Krug mit Wein und ein kleines bereits angestochenes Fass mit Bier.
„Lasst es euch schmecken“, sagte Octurian, „und genießt den Abend, ihr Beiden.“ Der Magier schloss die Tür zum Gemach und ließ die beiden alleine.
„Mein Held“, flüsterte Ezechia und hauchte ihm einen Kuss auf die Lippen und Marcel erwiderte diesen.
Als sich ihre Lippen voneinander gelöst hatten, blickten sich beide verliebt in die Augen. „Wir sollten etwas essen, bevor es kalt wird“, flüsterte Ezechia.
„Du hast Recht, bitte setz dich.“ Marcel schob der jungen brünetten Elfe einen Holzstuhl, auf dem sie sich niederließ zu und setzte sich ihr gegenüber. Sie betrachteten das aufgetragene Essen. Wein war schon in bronzene Becher eingegossen. Sie prosteten einander zu, ehe Marcel Ezechia einen Teller mit der Waldpilzsuppe auftat. Er musste lächeln und Ezechia erwiderte es, ehe sie nach dem Grund seines Lächelns fragte.
„Ich musste an Strew denken“, antwortete Marcel.
„Strew? Du meinst Strewberry, der Kommandant aus Lord Harbors Armee?“, wollte Ezechia wissen.
„Ja“, entgegnete Marcel. „Wir haben zusammen uns im Kampf trainiert und waren danach was essen.“
Ezechia grinste. „Strewberry ist ein netter und schüchterner Mann, aber ein großartiger Kämpfer.“
„Er hat heute einen romantischen Abend mit Senja aus der Schwarzen Sonne“, berichtete Marcel. „Er hat etwas Hilfe von mir benötigt, aber dann hat es sofort gefunkt zwischen den beiden.“
„Ihr wart in der Schwarzen Sonne? Ich hoffe du wurdest nicht belästigt. Einige der Damen, die dort arbeiten sind sehr aufdringlich. Sie wollen alle nur das Eine von Männern.“
„Nein, Senja hat Strewberry und mich die komplette Zeit bewirtet.“
„Wir müssen unbedingt mal in das Wirtshaus „Am Brunnen“ da ist es sehr schön“, schwelgte Ezechia. „Ich will dich an keine Wirtshausdirne in der Schwarzen Sonne verlieren“, fügte sie sorgenvoll hinzu.
„Keine Sorge“, entgegnete Marcel und fasste zärtlich die Hände der jungen Elfe. „Dich werde ich für Nichts auf dieser Welt verlassen.“
„Auch nicht für deine eigene Welt, wo du herkommst?“, fragte sie besorgt.
Damit hatte sie seinen wunden Punkt getroffen. „Das möchte ich heute nicht entscheiden“, antwortete er. „Im Moment gibt es aber keinen Ort, wo ich lieber sein möchte, als hier und der Hauptgrund dafür, das bist du.“
Sie verzog ihre Lippen zu einem Schmollmund. „Also werde ich meinen Helden bald verlieren?“
„Was soll ich sagen?“, versuchte Marcel die Situation zu retten. „Es ist noch nicht einmal klar, ob ich lebend aus der Schlacht hervortrete. Als Krieger für die Königin bin ich eine Zielscheibe auf zwei Beinen oder auf einem Pferd. Ich habe mich ein bisschen daran gewöhnt nicht in meiner Zeit zu sein, aber ich denke schon oft daran, was meine Eltern wohl machen, wie es meinen Freunden geht.“ Er hielt inne und beide schwiegen sich eine Zeit lang an.
„Es tut mir leid“, beendete Ezechia die unbehagliche Stille. „Ich wollte dich nicht unter Druck setzen. Aber es fühlt sich alles so richtig an. Nicht geträumt oder eine flüchtige Romanze. Es war kein Zufall, dass du hier gelandet bist. Es ist deine Bestimmung, dein Schicksal. Aber, wenn du dem Schicksal keine Chance geben möchtest, dann verstehe ich das. Es war falsch von mir.“
Tränen leuchteten in ihren Augen und berührten Marcels Herz. Hastig nahm er das Stofftuch an seiner Seite und rückte näher an sie heran, um ihr die Tränen aus den Augen zu wischen. „Ezy, ich mag dich sehr. Ich würde sogar fast so weit gehen, dass ich dich liebe. Dein Blick als wir uns das erste Mal begegneten machte mir die Entscheidung zu bleiben besonders einfach. Doch ich weiß beim besten Willen nicht, was passiert. Was uns erwartet. So lange ich hier bin, bist du mein Ein und Alles. Meine Königin.“
Er hauchte ihr einen zarten Kuss auf die Stirn und sie nahm mit ihren sanften Händen seinen Kopf und blickte in seine grünen Augen. Dann küsste sie ihn auf die Lippen und ihre Zunge wurde fordernder. Marcel erwiderte das Zungenspiel, dann ließ sie von ihm ab. „Ich hoffe so sehr, dass wir für immer zusammen bleiben“, flüsterte sie. „Auch, wenn du aus einer anderen Zeit bist, so fügst du dich so perfekt in unser Königreich ein. Du bist mein Auserwählter, da mag kommen, was will. Und wenn du gehst, dann werde ich mit dir gehen.“
„Nichts würde mir mehr gefallen“, antwortete Marcel und hauchte einen Kuss auf die Hand Ezechias, die er gerade berührte. „Was macht Eure Wunde?“, fragte er, als sie schmerzverzerrt das Gesicht verzog.
„Es wird besser, mein Held, seht selbst“, entgegnete sie und schob den Träger ihrer Tunika über die nackte Schulter. Ein feiner blauer Schnitt, der am Verheilen war, kam zum Vorschein. „Es heilt sehr gut, dank deiner Hilfe und der Medizin von Magier Octurian.“
„Ich hätte es mir nicht verzeihen können, wenn dieser Unhold dich getötet hätte“, erwiderte Marcel erleichtert. „Alleine der Gedanke zu spät gekommen zu sein, hätte mich zu allem bereitgemacht. Ich hätte ihn direkt im Thronsaal kalt gemacht.“ Seine Hand zitterte aufgeregt.
„Kalt gemacht?“
„Entschuldige, Ezy. So sagen wir bei uns, wenn jemand getötet wird. Durch den Tod wird der Körper der Person ganz kalt und deswegen sagen wir bei einem Mord: Der wurde kaltgemacht.“
Sie lächelte zärtlich. „Deine eigenwilligen Worte aus deiner Welt sind faszinierend. Schon alleine deswegen möchte ich dich nicht gehen lassen.“
Sie aßen und unterhielten sich gut. Ezechia erhob sich. Marcels Blick trübte sich. „Du musst jetzt gehen?“, fragte er traurig.
Ezechia schüttelte den Kopf. „Nur, wenn du mich fortschickst.“
„Wie meinst du das?“
Sie ging auf ihn zu, nahm seine Hand und er erhob sich. „Komm mit“; flüsterte sie verführerisch. Sie führte ihn in Richtung des Bettes und schubste ihn sanft in die Decken und Kissen, sodass er rücklings auf seinem Nachtlager lag. Sie beugte sich über ihn und küsste ihn auf die Lippen, wanderte mit ihren Küssen langsam herunter zum Hals und öffnete mit geschickten Handgriffen die Knöpfe seines Hemdes. Ihre Liebkosungen gingen die nackte Brust hinab. Er wusste, worauf sie aus war und es gefiel ihm. Vorsichtig hob er sie von sich und legte sie sanft ins Bett. Dann streifte er mit vorsichtigen Handbewegungen die Tunika von ihren Schultern, küsste ihre Lippen und wanderte weiter hinab an ihren schmalen Hals. Ezechia war weiter. Sie nestelte an den Schnüren seiner Hosen und streifte sie ihm von seinen Hüften bis zu den Knien. Dort hinderten die Stiefel die Hose an einem weiteren Fall. Marcel ließ von ihrem freien Oberkörper kurz ab, setzte sich auf und zog mit raschen Handgriffen die Stiefel aus. Ezechia folgte seinem Beispiel und zog ihre Samtschuhe von ihren nackten Füßen. Sie wirkten klein und zerbrechlich. „Zeig mir bitte, wie man in deiner Welt die Frauen liebt“, flüsterte sie. Marcel packte sie vorsichtig und zog sie eng an sich. Ihre Küsse wurden immer fordernder. Sie streifte sich lüstern ihre Tunika von ihrem Körper und schmiegte sich an ihn. Beide wussten, was sie wollten und so verschmolzen sie miteinander und gaben sich der Leidenschaft ihrer Liebe hin, als sei es ihr letzter Tag auf Erden. Die Kerzen in Marcels Gemach waren schon fast heruntergebrannt und die Nacht weit vorangeschritten, als sie erschöpft und verschwitzt in die Kopfkissen sanken. Sie küssten sich zärtlich, Ezechia kuschelte sich in Marcels Armen und sie schliefen glücklich und zufrieden Seite an Seite ein.
Während das Rendezvous zwischen Marcel und Ezechia glücklich verlief und die Pflanze ihrer Liebe weiter wuchs, versuchte sich im benachbarten Kuhlidorf Strewberry daran das Herz der bezaubernden Senja zu erobern. Die schwarzhaarige Schönheit hatte ein dunkelgrünes Gewand mit goldenen Stickereien angezogen und wartete vor der Taverne „Zur Schwarzen Sonne“ auf ihren Strewberry. Der nervöse Jüngling hatte ein schwarzes Hemd mit Schnürung am Hals angezogen, trug eine schwarze lederne Hose und dazu braune knöchelhohe Stiefel.
„Es tut mir leid“, begrüßte er sie zerknirscht. „Ihr denkt bestimmt, dass ich aussehe als wenn jemand gestorben ist, aber wenn ich ehrlich bin sind das meine feinsten Sachen. Ich hoffe, dass ich Euch auch so noch gefalle.“
Als Antwort küsste sie ihn sanft auf die Stirn. „Ihr hättet Euch für mich nicht hübscher kleiden können, mein tapferer Krieger.“
An seinem Gürtel hatte er hinter seinem Rücken eine Rose versteckt, die er mit einer galanten Handbewegung hervorholte. „Ich fand sie im Garten des Burghofes und sie erinnerte mich an Eure Schönheit. Nur im Gegensatz zu unserer Liebe ist ihre Zeit auf dieser Welt vergänglich.“
Dankbar nahm sie die Blume entgegen, roch daran und schob sie sich vorsichtig in ihr offenes schwarzes Haar und flöchte eine Strähne um sie festzuhalten.
„Jetzt schaut Ihr aus, wie eine elfgewordene Rose“, brachte Strewberry erstaunt hervor.
„Ich danke Euch. Dafür, dass Ihr den Frauen gegenüber sehr schüchtern seid, sprecht Ihr recht poesievoll“, erwiderte sie.
„Ich habe ein paar Ratschläge von Marcel erhalten und mich in der Bibliothek ein wenig in die Romantik eingelesen.“
„Ihr macht mich sprachlos und glücklich“, flüsterte Senja und küsste ihn auf die Lippen. „Wollen wir losgehen?“
„Sehr gerne.“
Das frischverliebte Paar verließ den Burghof über das Stadttor. Der wachhabende Soldat winkte die beiden durch und winkte Strewberry viel Glück und dem Paar einen romantischen Abend. Die Sonne ging langsam über Alplande unter und die Verliebten genossen den Augenblick. Nach einem kurzen Fußweg von fünfzehn Minuten erreichten sie eine große Hütte am Rand von Kuhlidorf, wo das Zwergenvolk beheimatet war. Strewberry öffnete die Tür des Lokals und ließ seiner Senja den Vortritt. Ein elegant gekleideter Zwerg begrüßte die Beiden und bot ihnen einen Tisch in der Mitte des Gasthauses an. In der Nähe der Küche des Wirtshauses saß Magister Trojon mit seiner Ehefrau und die beiden genossen wohl gerade den Wein, der in einer gläsernen Karaffe auf den Tisch stand. Er grüßte höflich, als er Strewberry und Senja erblickte. Für ihn als Magister war es wichtig, dass die Beziehung mit dem Heer der Königin respektvoll ablief. Die Elfen waren wichtige Verbündete, andernfalls würde Kuhlidorf recht schnell in die Hände der Feinde des Königreiches fallen. Strewberry erwiderte den Gruß, ehe er sich seiner Dame des Abends zuwandte. Bei einem Kellner, der die beiden bediente bestellte Strewberry eine Karaffe des guten Hausweins mit zwei Kelchen, zwei Vorspeisen, zwei Hauptgänge und zwei Nachtische. Während sie auf ihre Bestellung warteten unterhielten sich die beiden angeregt, so sehr, dass sie fast ihre Vorspeise eine Gemüseterrine nach Art des Hauses vergaßen entgegenzunehmen. Verlegen schenkte Strewberry seiner Senja den Becher mit etwas Wein und reichte ihn ihr. Dann füllte er seinen Becher und sie stießen miteinander an. Vorsichtig führte sie den Holzlöffel mit etwas Suppe an ihren Mund und genoss die wärmende Speise mit jeder Geschmacksknospe ihrer Zunge. Senja lächelte Strewberry liebevoll zu. „Ihr habt einen ausgezeichneten Geschmack mit diesem Wirtshaus bewiesen. Ich genieße jede Sekunde mit Euch, als wäre es die Letzte.“
„Ein so liebreizendes Mädchen, wie Ihr es seid, verdient so ausgeführt zu werden. Der Abend ist jeden Einsatz von Marcel wert.“
„Dann sollten wir auf ihn anstoßen und ihm ebenfalls so ein Glück wünschen, wie ich es mit Euch habe“, entgegnete sie.
Leise klirrend berührten sich die beiden Kelche und dann nahmen sie einen tiefen Schluck. Die Suppe hatten sie fast aufgegessen, als die Hauptspeise gebracht wurde. Es gab geschmortes Filet vom Hirsch mit Preiselbeeren, verschiedenen Wildkräutern und Knollengemüse. Sie genossen auch diese Speise und lernten sich näher kennen. Senja berichtete Strewberry von ihrer Kindheit. Schon mit 12 Jahren wurde sie von ihrer Mutter in die Freudenhäuser von Maidengarten mitgenommen, wo sie anschaffen musste, ehe sie Semjon, der Besitzer der Taverne „Zur Schwarzen Sonne“ an den Burghof mitnahm und ihr eine Anstellung in seinem Gasthaus verschaffte. Von ihrer Mutter hat sie seit jenem schicksalhaften Tag nie wieder etwas gehört. Semjon war ein Ziehvater für sie. Er ließ sie mietfrei in der Dachkammer der Taverne wohnen, verlangte von ihr nie, dass sie sich auf ein Techtelmechtel mit den Gästen einließ. Nun sei Semjon allerdings schwer krank und so führte Senja in seinem Namen die Taverne.
„Das bedeutet Euch gehört eine von Alplanden dunkelsten Orten?“; fragte Strewberry erstaunt.
Sie nickte. „Wobei ich mir immer geschworen habe, sollte mir jemals wahre Liebe begegnen die Taverne zu veräußern und diesem Mann voll und ganz zur Verfügung zu stehen und seine Frau zu sein.“
„Nun ja, es wäre sicherlich hervorragend, wenn Ihr die Forelle nach Art des Hauses exquisit nur für mich zu bereiten würdet, doch soll meine Liebe kein Grund sein, Euch einzuschränken.“
Ihre Blicke und Gesichter trafen sich. Sie beugte sich vor und küsste ihn zärtlich, danach immer fordernder.
„Ich weiß, wie das Leben schmeckt und das Leben schmeckt, was ich will“, flüsterte sie verschwörerisch.
„Entscheiden müsst Ihr es, doch ich lege Euch kein Ultimatum vor, Mylady“, erwiderte Strewberry. „Ich verspreche Euch ein warmes Heim, Treue und einen tapferen kleinen Mann.“
„Redet Ihr von Euch oder von dem, was sich unter Eurer Kleidung befindet, mein Krieger?“, fragte Senja verschmitzt.
„Ihr habt mich auf dem falschen Fuß erwischt, das muss ich eingestehen.“
Den Nachtisch ließen sie unberührt wieder zurückgehen. Sie wollten Zeit. Zeit für sich alleine. Die Karaffe Wein war geleert und Strewberry beglich mit ordentlichem Trinkgeld die Rechnung. Sie standen auf und verließen das Restaurant. Der Halbmond war aufgegangen und hüllte die Wälder in bleiches diffuses Licht. Langsam und gemütlich Hand in Hand gingen die beiden den Hügel hinauf. Sie merkten nicht, dass sie verfolgt wurden. Am Burgtor angekommen, ließ sie die Torwache mühelos passieren. Im Schein des Mondes gingen sie über den Burghof bis zur Taverne.
„Wann kann ich Euch wiedersehen?“, fragte Strewberry.
„Gar nicht“, neckte Senja. „Solange, du nicht dein höfliche Förmlichkeit mir gegenüber ablegst.“ Sie lächelte und blickte ihm tief in die Augen.
„Wann kann ich dich wiedersehen?“, fragte Strewberry erneut.
„Ich möchte dich am liebsten gar nicht loslassen“, flüsterte sie. „Komm doch zu mir.“
Strewberry blickte sich um.
„Schämst du dich etwa, Strew?“, fragte Senja mit Schmollmund.
„Nein, ich dachte, ich hätte Schritte vernommen, aber war wohl nur das laute Pochen meines Herzens. Gerne komme ich mit dir nach oben.“
Mit einem Kuss auf die Lippen, wandte sich Senja an und zündete eine Kerze an. „Sei bitte leise. Nicht, dass uns Semjon oder die anderen Bedienungen hören“, flüsterte sie.
„In Ordnung.“
Leise schlichen die beiden Verliebten nach oben. Strewberry verschwendete seine Gedanken nur noch an Senja und drängte den Gedanken an das Geräusch in den Hintergrund. Wenn etwas sein würde, würde ja Alarm geschlagen werden, dachte er bei sich. Nach drei Treppenaufgängen erreichten sie die Dachkammer von Senja. Die schwarzhaarige Schönheit hatte dort eine Schlafnische, eine Wasch- und Ankleidegelegenheit, sowie eine kleine Kochstelle. Sie schien sich ein wenig zu schämen.
„Bitte beachte nicht das Durcheinander“, sagte sie leise. „Zum Ruhen nach der Arbeit ist es doch befriedigend.“
„Ich finde es sehr schön, Senja“, erwiderte er und küsste sie zärtlich.
„Und du bekommst keinen Ärger, wenn du nicht in deine Soldatenunterkunft einkehrst?“, wollte sie wissen.
„Im Vergleich zu deiner Stube ist die nur ein Kämmerchen“, entgegnete er und ihr Küssen wurde fordernder.
Ihre Kleidungen verteilten sich überall im Raum, bis sie sich nackt gegenüber standen. Senja spürte die Regung in Strewberrys Leistengegend und so ließ sie sich auf ihr Bett fallen. Strewberry folgte ihr langsam und liebkoste ihren ganzen Körper, ehe er in sie eindrang und sie unter rhythmischem Stöhnen nahm. Er wusste, dass sie als Dirne eine Menge Erfahrung mit anderen männlichen Elfen gesammelt hatte, doch das war ihm egal. Strewberry dachte an ihr Versprechen, dass sie für ihn das Gastronomiegewerbe aufgeben wollte, um allein für ihn da zu sein. Rhythmisch bewegten sich ihre Körper, ehe sie beide gleichzeitig kamen und er vorsichtig von ihr herunterrollte. Der Duft ihrer schwarzen Haare war durch die Rose noch intensiver geworden. Sie lächelte ihn glücklich an. „Möge diese Nacht doch nie enden“, flüsterte sie, ehe sie die Augen schloss und ins Land der Träume sank.
Unerkannt im Schatten der Nacht kletterte eine Gestalt an der Ostseite über die Burgmauer. Sie hatte einen toten Winkel, der von den Wachen auf der Mauer nicht eingesehen werden konnte, ausgemacht und nutzte diesen, um in der Dunkelheit in den Burghof zu gelangen. Wie leichtsinnig, dachte sie, dass auf dem Burghof selbst sich keine Wachen befanden. Sie hätte sich auch als Dirne tarnen können, die aus Maidengarten hierhergekommen war, um ihr Glück in der Taverne als Bedienung zu versuchen, doch das erschien ihr zu einfach. Rasch eilte sie über den Burghof und versteckte sich in einer Nische am Fuß des Bergfrieds. Sie kannte sich aus, denn sie hatte sich schon öfters unerkannt auf der Burg als Spionin aufgehalten. Unter ihrer schwarzen Kapuze verbarg sich ein roter Haarschopf. Ginygritte lächelte. Sie war nun dort, wo sie sein wollte. Nun hatte sie alle Trümpfe in der Hand den Auserwählten auszuspionieren und Grindelmorts Plan in die Tat umzusetzen. Die Kopfgeldjägerin war eine Meisterin der Tarnung. Den halben Nachmittag und den ganzen Abend war sie um die Burg im Dickicht herumgeschlichen, hatte Strewberry und Senja fast bis zum Burgtor verfolgen können. Ginygritte lächelte. Sie schlich leise, wie eine Eule auf der Jagd über den Burghof, erreichte die Stallungen und schaute sich dort unbemerkt um. In einer leeren Box versteckte sie ihren Beutel mit den Waffen unter dem Stroh und zog sich um. Sie kleidete sich als einfache Wirtshaus-Dirne und wollte in den Tavernen der Burg nach Arbeit fragen. Kurz fröstelte es sie, als sie nackt und verletzlich in dem Stall stand. An einem Gürtel unter ihrer Tunika verbarg sie ihren Dolch und das Kurzschwert. Den Pfeil und den Bogen ließ sie in ihrer Tasche zurück. Ginygritte blickte durch das Fenster nach draußen. Bis Sonnenaufgang war noch lange hin. Sie ging in die Hocke und fiel in eine Art Nachtstarre. Mehr war für sie nicht nötig, um sich von den Strapazen des Tages zu erholen. Kaum waren die ersten Strahlen der Morgendämmerung am Horizont zu erkennen, stand Ginygritte auf und verließ ihr Versteck. Ihre Tasche mit Pfeil und Bogen hing sie sicherheitshalber doch um ihre Schulter. Unbemerkt schlich sie draußen und wartete bis das Treiben auf dem Hof der Königin begann.
Die Sonnenstrahlen schienen durch das Fenster und weckten Marcel. In seinen Armen schlummerte noch immer Ezechia. Er blickte an ihr herab. Sie wirkte so verletzlich, so zerbrechlich, so schützenswert. Mit einem sanften Kuss auf die Stirn weckte er sie auf. Müde blinzelte sie ihn an und schmiegte sich an seine nackte muskulöse Brust.
„Willst du denn wirklich schon aufstehen?“, flüsterte sie gähnend. „Es ist doch noch Zeit. Zeit für etwas Besseres.“
Entgeistert blickte er sie an. „Was meinen, Prinzessin?“
Sie antwortete nicht. Ihre Hände verschwanden unter der Bettdecke und im nächsten Moment wanderten ihre Finger mit zarten Berührungen den nackten Körper auf und ab. Ein Schauer, wie ein warmer Sommerregen durchfuhr Marcels Körper. „Du unersättlicher kleiner Nimmersatt“, flüsterte er liebevoll und knabberte zärtlich an ihrem Ohrläppchen.
„Wieso? Wenn ich dich heute den ganzen Tag nicht sehe, muss ich doch eine Erinnerung haben bis zum Abend. Außerdem möchte ich dir zeigen, wie wir Elfen lieben können. Auch wenn die Königin es nicht mag, wenn wir in solchen Büchern lesen, so sollte man doch in allen Lebenslagen belesen sein“, antwortete sie.
„Da bin ich mal gespannt“, entgegnete er und ließ seiner Ezechia die Führung. Sie hatte nicht zu viel versprochen und Marcel war erstaunt vom Liebesakt auf Elfenart. Ezechia verführte ihn einmal in den Himmel oder wieder zurück. Glücklich und verschwitzt sank sie an seine Seite.
„Ich hoffe nur, wir bekommen in Zukunft kein Problem, wenn du es lieber auf Elfenart und ich es lieber auf die Art, wie du es in deiner Welt mit den Frauen machen würdest haben möchtest“, flüsterte sie grinsend.
„Ein bisschen Abwechslung schadet doch nicht. Es gibt in meiner Welt so viele Techniken, um eine Frau zu beglücken.“
„Schön“, antwortete sie verträumt. „Ich will alle kennenlernen.“
Marcel lächelte verträumt und blickte Ezechia in die Augen. „Weißt du, dass wir in unserer Welt Geräte haben mit denen wir in die Luft steigen können?“
„Nein. Erzähl mir davon. Sind sie etwa wie Drachen?“
„Nicht ganz. Eher wie riesige Vögel mit mächtigen Schwingen“, entgegnete Marcel. „Und man vergleicht das Liebesspiel einer Frau gerne mit einem Flug in diesen Flugzeugen.“
„Wie denn das?“ Marcels Worte erfüllten Ezechias Neugier mit einem Hauch von Erregung.
„Man soll sie mindestens fünfmal am Tag besteigen und dann in den siebten Himmel führen und sicher landen“, erklärte er ihr die Metapher.
Ezechia lachte laut auf. „Dann habe ich ja noch viermal gut, Herr Flugmaschinenführer.“
Marcel hob verführerisch die Augenbraue. „Allzeit bereit, Madame.“
„Madame?“
„Ja. So bezeichnet man sein Mädchen oder die Dame an seiner Seite. Du bist MEINE DAME“, erklärte er.
„Bereit zum Abheben, mein Herr“, flüsterte sie keck.
Sie liebten sich und verpassten das Frühstücksbankett im Thronsaal, doch das war ihnen egal. Nach einem ausgiebigen Liebesspiel, einer langen Wäsche und in frische Kleidung gehüllt, nahmen sie mit den Resten des Vorabendes vorlieb, ehe sich Marcel auf die Suche nach Lord Harbor begab und Ezechia ihren Pagendienst aufnahm. Sie freuten sich auf den Abend und behielten die heiße Nacht und den feurigen Morgen in ihrem Herzen.
„Ihr habt ein ausgiebiges Frühstück verpasst, Marcel“, begrüßte Lord Harbor den Auserwählten, als er die Halle betrat.
„Ein frisches Frühstück vielleicht“, flüsterte er kaum vernehmbar, „aber dafür wurde ein anderer Hunger gestillt.“
„Keine weiteren Worte, Marcel. Keine weiteren Worte“, grinste Lord Harbor. „Ihr wisst um den Termin mit der Königin später?“
„Ja“, sagte Marcel. „Ich hoffe nur, dass Strewberry auch einen erfolgreichen Abend hatte.“
„Zwei Kämpfer im Liebesglück“, schüttelte Harbor lachend den Kopf und blickte sehnsüchtig zu dem Platz, wo vorher noch Königin Aluanda gesessen hatte. Er hatte eine Schwäche für die junge Regentin, doch war er vom Stand her kaum dazu bestimmt, die Herrscherin des Königreiches zu ehelichen.


Du siehst noch einmal in die treuen Augen Deines Tieres,
das so lange aus deinem Leben verschwunden war,
aber nie aus Deinem Herzen

Eddard Stark

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19

Mittwoch, 13. September 2017, 19:11

Kapitel 4 – Verwechslungen

Nachdenklich schritt Königin Aluanda in ihren Gemächern auf und ab. Zwar hatte sich der Kämpfer der Prophezeiung gefunden, doch ahnte sie, dass die große Schlacht um das Wohl und Wehe ihres Königreiches bevor stand. Es musste schnellstmöglich eine Lösung her. Ihr Mittagessen, was aus einem Stück Brot und Fisch bestand, hatte sie nicht angerührt. Hastig trank sie einen Schluck Wein aus ihrem Kelch und marschierte schnellen Schrittes zum Thronsaal. Zwei bewaffnete Kammerdiener begleiteten sie. Trotz des bewaffneten Begleitschutzes umgab die Herrscherin noch immer der Mantel der Furcht. Der Schock über den schrecklichen und beinahe vollständig gelungenen Anschlag auf sie und ihre Regentschaft saß noch immer tief. Jedes Mal, wenn sie sicher von ihren Privatgemächern an den gewünschten Ort gelangte durchströmte sie ein Gefühl der Erleichterung. Mit einem starken Mann als König an ihrer Seite würde sie sich sicherer fühlen. Den aus der Menschenwelt gekommenen Marcel würde sie für dieses Vorhaben nicht mehr gewinnen können. Sie wusste von der gegenseitigen Liebe zwischen ihm und ihrer Kammerzofe Ezechia. Königin Aluanda hegte keinen Groll gegen ihre Zofe. Sie gönnte ihr dieses private Glück. Magier Octurian betrat den Thronsaal und begrüßte die Königin höflich und in voller Würde und holte Aluanda in die hiesige Welt zurück.
„Ihr seht nachdenklich aus, Majestät“, erkundigte sich der weise Magier besorgt.
„Nun, wo sich die Prophezeiung zu erfüllen droht, wird alles so greifbar so reell. Dann dieser Anschlag auf die Krone von jemandem, der an unserer Seite kämpfen sollte. Ich fürchte, dass ich versagen werde. Wegen mir ist Alplanden dem Untergang geweiht.“ Ihre Stimme wurde mit jedem Wort verzweifelter. Die Augen der Königin schienen sich mit Tränen zu füllen. Octurian bemerkte dies, nahm sie beim Arm und führte sie etwas beiseite.
„Majestät“, sprach er leise, damit nicht jeder der geladenen Heeresführer und Gäste mitbekam, wie angeschlagen die Königin war. „Euer Handeln war bisher immer richtig und wird es auch immer sein. Vertraut Euch selbst. Ich erinnere mich an Euren Großvater, König Salazarus der Dritte. Er war ein gütiger und gerechter König, das Volk liebte ihn, doch sein Neffe schaffte es Söldner um sich zu scharen und eine wahre Schlacht auf dem Hof der Burg einzuläuten. Er hat die Schlacht gewonnen und die Aufrührer, als er sich von seinen Verletzungen erholt hatte, selbst gerichtet und plötzlich war seine Beliebtheit dahin. Das Elfenvolk wollte keinen rachsüchtigen Tyrannen auf dem Thron, sondern einen gütigen, gerechten und weisen König. Diese Stimmung brachte Euren Großvater dazu von seiner Regentschaft zurückzutreten und den Weg für Euren Vater freizumachen. Wäre Unwyn getötet worden, Euch hätte wohl das gleiche Schicksal gedroht.“
„Ihr habt ja Recht“, entgegnete Aluanda ungeduldig. „Beliebtheit beim eigenen Volk ist ja schön und gut, aber ich fürchte eher die Orks und Trolle. Wir brauchen auf schnellstem Wege die Verbundenheit mit den Drachen. Ihr selbst wisst, dass es von hier ein Marsch von drei Tagen ist, bis man auf den Gipfeln des Sarangebirges ist, wo sich die Drachen befinden. Ob sie Marcel als den Auserwählten anerkennen, steht auch in den Sternen. Ich will ihn auch nicht ohne eine gut gerüstete Armee aufbrechen lassen, denn die Reise ist weit und beschwerlich. Das heißt damit fehlen uns auch hier wieder Männer, falls Fürst Zorshrek seine Truppen in eine Schlacht führt.“
„Falls er sie in die Schlacht führt. Wir haben allerdings Unwyn in der Hinterhand“, bemerkte Octurian.
„Wie meint Ihr das?“
„Wenn Zorshrek auf Unwyn vertraut und erst nach Erhalt einer Botschaft reagiert, schicken wir ihn eine Woche nachdem Marcel zum Gebirge, wo die Drachen ruhen aufgebrochen ist, über die Mentfruberge und lassen ausrichten, dass der Auserwählte auf dem Weg zu den Drachen ist. Zorshrek wird versuchen unsere Armee im Sarangebirge abzufangen und dort wenn alles nach Plan läuft weder Drachen noch Marcel und seine Garde vortreffen. Es ist ein hohes Risiko, Majestät, aber es würde uns eines bringen: Zeit.“
Nickend dachte Königin Aluanda über die Idee ihres ersten Beraters nach. Es war in der Tat ein Risiko, aber was für eine Wahl hatte sie. Alle anderen Wege würden in eine Blitzschlacht führen, in der sie zahlenmäßig unterlegen war. „Also gut“, flüsterte sie zu Octurian. „Ich werde Eure Idee in der Besprechung erläutern. Wir müssen agieren, bevor Zorshrek reagieren kann.“
Octurian lächelte. „So gefallt Ihr mir besser, Majestät.“
Die beiden drehten sich um, erwiderten die Grüße der bereits eingetroffenen und geladenen Elfen und nahmen auf ihren Plätzen an der Stirnseite der langen Tafel Platz. In der Mitte des Tisches lag eine Karte ausgebreitet. Kurze Zeit später betraten Lord Harbor, Marcel Gerber und Strewberry den Thronsaal und nahmen auf drei freien Plätzen in der Nähe der Königin und des Magiers Platz.
„Ich freue mich, dass Ihr meine treuen Kommandeure und Heeresführer meiner Einladung gefolgt seid und an dieser Runde Platz genommen habt. Wir haben Dinge von großer Tragweite zu besprechen. Wie sicherlich Euch allen bekannt ist, wurde die Krone vor zwei Tagen Opfer eines heimtückischen Anschlags aus den eigenen Reihen. Wir haben zwei Kammerdiener verloren und eine Kammerzofe wurde schwer verwundet. Ziel des Attentates war es mich zu stürzen und Fürst Zorshrek die Herrschaft auf dem Silbertablett zu servieren. Nur dank des beherzten Eingreifens von unserem neuen Freund Marcel, der aus einer anderen Welt in unsere Mitte getreten ist, ist es zu verdanken, dass Alplanden so besteht, wie Ihr es alle kennt. Aufgrund dieses Ereignisses ist damit zu rechnen, dass Zorshrek seine Heere aufstellt und schon bald in die Schlacht gegen uns ziehen wird. Da auch der schwarze Magier Grindelmort Voldewald in seine Intrigen verstrickt ist, werden auch die Nachtelfen dieser Armee angehören. Diese Schlacht alleine zu gewinnen könnte schwierig bis unmöglich werden. Deswegen möchte ich nun Nägel mit Köpfen machen.“
Königin Aluanda hielt kurz inne und blickte in die gebannten Gesichter der Runde. „Marcel“, fuhr sie fort und der Angesprochene erschrak kurz. „Ihr brecht alsbald in die Berge auf, um Euch zum Sarangebirge zu begeben. Dort werdet Ihr das Bündnis mit den Drachen erneuern. Sobald Ihr sie auf unserer Seite habt, kehrt Ihr so schnell wie möglich zurück. Ich werde Euch mit Lord Harbor und Strewberry ein kleines Heer auf die Reise mitschicken. In der Zwischenzeit werden wir unsere Wachbereitschaften an den Grenzen erhöhen. Je früher wir über Truppenbewegungen unserer Feinde Bescheid wissen, umso besser. An alle Kommandeure mahne ich nochmals: Haltet Eure Truppen in Kampfbereitschaft. Wir müssen gewappnet sein.“
„Das ist ja alles schön und gut“, warf Magister Torjon ein, der ebenfalls eingeladen war. „Doch haben wir schon öfters erleben müssen, dass wir Zwerge bei einem Angriff von Trollen und Orks ganz schlechte Karten haben. Sollten sie mit ihren Truppen Alplanden überrennen, wird unsere Siedlung dem Erdboden gleichgemacht.“
Aufgebrachtes Gemurmel setzte nach diesen Worten ein. Königin Aluanda hob ruhig und beschwichtigend die Hand. „Beruhigt Euch. Magister Torjon, ich verstehe Eure Sorge, sehr sogar. Octurian, ich frage Euch und Eure Weisheit. Wie können wir den kleinsten Untertanen unseres Reiches Schutz gewähren?“
Der Magier dachte nach, ehe er sich erhob und den Anführer der Zwerge direkt ansprach. „Torjon, mein alter Freund. Ihr und Euer Volk braucht keine Furcht zu hegen. Wir bieten Euch und den Bewohnern von Kuhlidorf das große Gästehaus unter dem Goldenen Bergfried an. Dort könntet Ihr alle unterbringen. Was haltet Ihr davon?“
Der alte Zwerg ließ sich die Worte des Magiers durch den Kopf gehen, er nickte und dem Zauberer mit pathetischer Stimme antwortete: „Ja, das ist eine sehr gute Idee. Und ich verspreche Euch, sollte es zum Äußersten kommen, werden wir an Eurer Seite kämpfen und sterben. Für Alplanden und unsere Königin!“
„Für Alplanden und unsere Königin!“, stimmten die anderen in der Runde ein.
„Ihr dürft nun gehen“, bestimmte Aluanda. „Außer Lord Harbor, Marcel und Strewberry. Ihr drei bleibt zur weiteren Unterredung noch hier.“
Nach und nach verließen die Anwesenden den Thronsaal bis nur noch die Königin, der Magier Octurian und die drei angesprochenen Männer im Raum waren.
„Ich möchte mit euch Dreien die letzten Details Eurer Mission besprechen“, sagte sie. „Der Trupp, der Euch begleitet und beschützt, Marcel fasst 40 Mann. Das ist die höchste Zahl, die ich Euch entbehren kann. Ihr verlasst die Burg über das Osttor. Dann folgt den Pfad bis zur Meidesbrücke. Dort haltet Ihr Euch gen Westen und folgt den Pfad von Bembardos. Dieser sollte Euch binnen drei Tage auf die Gipfel des Sarangebirges bringen. Erneuert das vor Jahrtausenden erschaffene Bündnis, welches mein Vorgänger König Rowentorian der Erste und der Anführer der Drachen Zupandrak geschlossen haben. Wir wissen, dass die Nachfolger dieses Bündnisses viel dafür getan haben, dass wir nur noch Bruchstücke dieses Bundes vorweisen können und wir bereuen uns es zutiefst. Reicht dem Führer der Drachen dieses Amulett. Es wurde vor 40 Jahren von Sir Faljon den Drachen aus ihrer Schatzkammer entwendet. Ich kann nicht rückgängig machen, was geschehen ist, doch ich möchte Frieden schließen mit unseren Freunden aus alter Zeit. Nicht nur in Zeiten der Gefahr und Not, sondern in Zeiten des Friedens. Überreicht ihnen unsere guten Wünsche und kehrt hoffentlich mit froher Kunde heim, Marcel. Ganz Alplanden bangt mit Euch über den guten Ausgang Eures Auftrages.“
Marcel nickte. „Eure Majestät, ich werde alles Erdenkliche tun, um dem erfolgreichen Abschluss der Quest nicht im Wege zu stehen.“
Fragend blicken ihn die Königin und die drei Männer an.
„Ich bitte vielmals um Verzeihung, Majestät. Ich werde alles Erdenklich tun, um der erfolgreichen Erledigung meiner Aufgabe nicht im Weg zu stehen.“
„Das ist sehr lobenswert“, sagte Octurian. „Bedenke aber, dass Drachen ihren eigenen Willen haben. Wenn du sie zwingen willst mit Gewalt, wirst du untergehen. Aber sie haben auch Gefühle. Bedenke das bei deinem Abwägen.“
Marcel nickte. „Ich werde Euren weisen Rat befolgen, mächtiger Octurian.“
„Wir vertrauen Euch voll und ganz“, ergänzte die Königin. „Und nun brecht auf. Nehmt ausreichend Proviant mit, denn Ihr habt einen langen Weg vor Euch.“
Die drei Männer nickten.
„Meine Königin“, begann Lord Harbor. „Ich werde die Truppen zusammenziehen. In zwei Stunden werden wir abreisen. Dann haben wir die Meidesbrücke erreicht und können am Pfad das erste Nachtlager errichten.“
„So sei es, mein lieber Lord Harbor. Unsere Gedanken sind bei der Reise von Euch, Marcel, Strewberry und den anderen 40 Reiter. Wir vertrauen auf euer Geschick.“
War es eine Träne, die in den Augen der Königin blitzte? Marcel verneigte sich, wie die anderen beiden Männer und verließ mit ihnen den Thronsaal. Im Gang angekommen, nahm sich Harbor Marcel und Strewberry an seine Seite.
„Zwei Stunden habt Ihr zum Packen und zu allen anderen wichtigen Dingen. Nutzt sie weise. In zwei Stunden reiten wir vom Burgtor aus los. Marcel, du bekommst die Schimmelstute von gestern. Sie scheint dich zu mögen und du bist gut bei ihr im Sattel gesessen.“
„Ganz, wie Ihr befehlt.“
Ihre Wege trennten sich. Während Lord Harbor und Strewberry durch das Haupttor des Schlosses auf den Burghof traten, ging Marcel den Gang zu seinem Gemach. Ezechia hatte ihn schon sehnsüchtig erwartet und bemerkte den traurigen Blick in seinen Augen.
„Was ist los, mein Prinz?“, fragte sie sanft.
„Die Königin schickt uns ins Sarangebirge. Wir sollen das Bündnis mit den Drachen erneuern, ehe sich Zorshrek zur Schlacht aufstellen kann. Und um keine Zeit zu verlieren, reisen wir in zwei Stunden ab.“
Marcel kramte ein zwei Ledertuniken aus dem kleinen Schrank, ein Kettenhemd, eine Lederhose, einen Eisenhelm und ein Kurzschwert. Er wollte, wenn es zum Kampf kommt eine zweite Waffe haben und nicht das Schwert von Konik durch Unachtsamkeit verlieren, beschädigen und beschmutzen. Mit einem traurigen Blick war Ezechia hinter ihn getreten.
„Ich habe damit gerechnet, dass dieser Moment naht, aber dass er so früh schon ist“, flüsterte sie ihm ins Ohr.
„Ich hätte es auch gerne länger herausgezögert“, erwiderte Marcel. „Und am liebsten würde ich dich mitnehmen, meine Prinzessin, aber ich glaube unter 40 Männern, von denen 39 ohne weibliche Begleitung unterwegs wären, wäre das sehr schwer für beide Seiten auszuhalten.“
„Du hast ja Recht. Aber du hast ja noch ein wenig Zeit. Und ich wüsste, wie wir das Burgtor gut im Blick haben können.“
Ihre zarten Hände schoben sich unter das weiße Hemd und berührten den muskulösen Oberkörper. Sie leitete Marcel in die Nähe des Fensters, wo der Tisch stand. Mit einer einzigen Handbewegung hatte sie Teller, Becher und was sich sonst noch darauf befand heruntergefegt. „Entführe mich noch einmal in den siebten Himmel, wie du in deiner Welt sagst“, flüsterte sie lüstern. „Vielleicht ist es unsere allerletzte Gelegenheit dafür.“
Ohne weitere Vorreden zogen sich die beiden aus. Ezechia legte sich rücklings auf den Tisch, während Marcel sie sanft an den Rand des Tisches legte und ihr stehend das gab, was sie von ihm wollte. Immer wieder blickte er runter durch das Fenster in den Hof. Sie schafften ihr Liebesspiel zweimal durchzuziehen, ehe sich die ersten Reiter im Burghof sammelten. Hastig zog sich Marcel an, während Ezechia ein paar Tropfen seines Liebesnektars aufleckte und genüsslich schluckte. Dann zog sie sich ihr weißes Nachthemd über den Kopf und schlüpfte in ein grün-goldenes Kleid. Mit einer passenden Kopfhaube bedeckte sie ihr Haar. Marcel nickte mit einem Lederrucksack gewappnet und den beiden Schwertern an seinem Gürtel ihr kurz zu und dann folgte Ezechia ihm. Auf dem Weg in den Burghof trafen sie Strewberry und Senja. Marcel und Strew umarmten die Gefährtin des Anderen herzlich und dann gingen sie gemeinsam zum Burghof. Von den Gefühlen des nahenden Abschieds abgelenkt, merkten sie nicht, wie sie beobachtet wurden.
Hinter Weinfässern hatte sich Ginygritte versteckt, die das Szenario ausspähte. Sie beobachtete das genaue Vorgehen. Die herzzerreißenden Abschiedsszenen bei den Gefährtinnen von Strewberry und Marcel und dann wie sich der über 40-Mann starke Reitertrupp in Bewegung setzte. Die beiden Frauen blieben noch lange stehen und winkten hinterher. Ginygritte überlegte einen Überraschungsangriff, doch es war zu offensichtlich. Zu viele Wachen der Königin und die Königin und Magier Octurian waren beim Abschied mit anwesend gewesen. Wenn es stimmte, was sie gehörte hatte, waren der Auserwählte seine Reiter unterwegs ins Sarangebirge. Sie wusste, dass sie damit fast eine Woche Zeit hatte einen Plan zu entwerfen und ihn umzusetzen. Teuflisch grinsend wandte sie sich um und ging ihrer Arbeit in der Küche der Königin nach. Insgeheim hatte sie gehofft durch ihre Küchentätigkeit einen Giftanschlag auf den Hofstaat durchführen zu können, doch da alle Speisen vorm Servieren vom Vorkoster geprüft wurden wäre dieser Plan zu schnell aufgeflogen. Es musste ein mit List und Tücke durchdachter Plan entwickelt werden.
Auf der anderen Seite der Mentfruberge hatte sich Grindelmort Voldewald eine Audienz bei Fürst Zorshrek geholt. Der schwarze Magier berichtete von dem Einschleusen der Kopfgeldjägerin an den königlichen Hof.
„Seid versichert mein Herr, wenn Ginygritte Erfolg hat, werdet Ihr schneller auf den Thron von Burg Karamurg setzen, als dieses Königreich erschaffen wurde.“
„Das will ich hoffen“, knurrte Zorshrek. „Ich hoffe, dass unser kleiner Spion Unwyn keine weiteren Fehler mehr macht. Kommt angeritten, um von der Ankunft des Auserwählten zu berichten, aber kennt keine weiteren Details. So ein Schwachkopf. Hätte er gewartet, hätten wir schon jetzt das Heer positionieren können.“
„Gutes Personal ist so schwer zu finden, mein Fürst“, schleimte der dunkle Zauberer. „Seid siegesgewiss, dass schon bald Euer Exil in dieser Einöde ein Ende hat.“
Die Augen des Orks funkelten zornig. „Wenn Eure Versprechen nur leere Worte sind, werdet Ihr ein Teil meiner persönlichen Galerie sein.“ Der Zauberer schluckte schwer. „Meiner Galerie der ausgehöhlten Ratgeberköpfe!“, fügte er grinsend hinzu.
Voldewald hielt dem Blick stand. „Meine Magie würde ohne Eure Bösartigkeit nicht funktionieren. Euch gebührt der Thron über Alplanden. Und ich werde Euch loyal beraten, mein Fürst.“
„Das will ich hoffen“, entgegnete Zorshrek. „Und nun bewegt Euch hinfort. Eure Audienz ist beendet.“
„Wie Ihr wünscht.“ Mit einer schleimigen Verbeugung, kehrte sich Grindelmort Voldewald um und verließ den Thronsaal. Mit zornigem Blick ließ er die öde Steinfestung hinter sich, zückte seinen Zauberstab und teleportierte sich davon. Sekunden später materialisierte sich der Schwarze Magier an einer Ruine in Krannwald. Krannwald war eine Bergsiedlung in den Höhen der Amaroti-Berge, nördlich von Aluandas Königreich lagen. Vor Jahren, als die Nachtelfen im Frieden mit den Elfenvölkern lagen florierte der Handel zwischen den Völkern und Krannwald war eine blühende Stadt, die sich von den Bergen bis ins Tal schlängelte. Das Königshaus der Elfen gestattete den Nachtelfen einen eigenen Regenten, um die Politik in der Stadt zu betreiben, die sogenannten Wächter des Nordens. Einer dieser Wächter, Telon der Starke missbrauchte seine Macht und rief sein Nachtelfenvolk zu Revolte gegen das Königshaus, welches die Elfen in einer verlustreichen Schlacht niederschlagen konnten. Mit ihrem Bündnispartner den Drachen wurde Krannwald bis auf wenige Häuser vollständig zerstört. Die prächtige Burg Krannwald stand nur noch in Ruinen und hier hatte sich Grindelmort Voldewald sein Refugium eingerichtet. Er nahm das alte Herrenzimmer ein und hatte einige andere Räume mithilfe seiner Magie bewohnbar gemacht. Eine kleine Gruppe seiner engsten Anhänger und Ratgeber lebten ebenfalls in den zugigen Räumen der Ruine. Die restlichen Nachtelfen lebten in den alten Häusern und Hütten, die nicht dem Drachenfeuer zum Opfer gefallen waren. Ihre Aufgabe war der Bergbau. Für seine schwarze Magie benötigte Grindelmort spezielle Edelsteine, die nur im Innern des Berges Amaroti zu finden war. So gab es der Schwarzmagier seinen Schergen weiter, doch sein Ziel war eine alte Legende von Alplanden. Im Bergmassiv soll sich einer Erzählung zu Folge ein Edelstein befinden, dessen Essenz seinem Besitzer wahrhaft göttliche Allmacht verleihen würde. Für die grausamen Herrscher-Pläne von Grindelmort ein wichtiger Faktor. Im Besitz dieser Macht wollte er alle Völker in Alplanden ausrotten, die Drachen bannen und mit seinen Nachtelfen über Alplanden herrschen. Sollte jetzt Marcel an die Führung über die Drachen gelangen, fürchtete Grindelmort seine Felle davon schwimmen zu sehen. Sein Bündnis mit Zorshrek war ein Zweckbündnis, welches auf dünnem Eis gebaut war. Sollte es scheitern, waren auch seine Macht dahin und sein Leben verwirkt. Wütend schnaufend lief er durch die ehemalige Empfangshalle der Burg.
„Alvur!“, brüllte er durch den Gang.
„Ihr habt gerufen, Mylord Voldewald“, antwortete ein gebückter Nachtelf in schwarzem Umhang gekleidet kriecherisch und kam ihm auf halbem Weg entgegen.
„Wie weit kommen wir voran?“
„Es gab erfolgreiche Sprengungen in den verschiedenen Stollen, Mylord. Die Ausbeute an Edelsteinen ergab zehn Phiolen an magischer Essenz, die wir heben konnten.“
„Gut. Gab es besondere Vorkommnisse oder Entdeckungen?“
„Nein“, entgegnete der erste Diener des Magiers.
„Setzt die Arbeiten fort. Tag und Nacht, wenn es sein muss. Wir brauchen mehr Phiolen. Mehr Macht.“ Der schwarze Magier wirkte zornig.
„Ich werde es ausrichten.“
„Dann geht und lasst mich allein.“
Mit einer tiefen Verbeugung verließ Alvur seinen Herrn, während Grindelmort Voldewald die Halle verließ und in seine Kammer ging. Der Zorn wuchs. Der Spiegel mit dem milchigen Glas bekam einen mächtigen Fluch des Magiers zu spüren, ehe er in tausend Scherben zerbarst.
„Wird mir je die Macht zu Teil werden, die mir von Geburt in die Wiege gelegt wurde?“, sagte er zu sich selbst. Zorshreks Armee ist mächtig, aber sind die Trolle und Orks doch nur Kampfmaschinen ohne Schläue und ohne List. Für einen Aufstand mit meinen Nachtelfen ist unsere Zahl zu klein und unsere Waffen zu schwach, dank Telons Unfähigkeit. So kann ich nicht die Stärke unseres Volkes nutzen.“
Der dunkle Zauberer ging zu einem Bücherregal und nahm sich ein Buch in einem schwarzen Umschlag heraus. An der Stelle, wo ein Lesezeichen eingelegt war, schlug er es auf. Es war ein Zauber, den er bereits angewandt hatte. Die Beschreibung schien seine Laune zu heben. Ein zufriedenes und glückliches Lächeln huschte über seine schmalen Lippen.

Die Reitergruppe um Marcel Gerber, Lord Harbor und Strewberry kamen gut voran. Die Sonne stand bereits knapp über dem Horizont, bereit die Abenddämmerung einzuleiten. Marcel schloss auf seiner Schimmelstute zu Harbor auf.
„Wo befinden wir uns?“, wollte er wissen.
„In etwa zwei Meilen sollten wir den Pfad von Bembardos erreichen. Dort gibt es nettes kleines Gasthaus, wo wir uns gut erholen, unsere Vorräte auffüllen und was Leckeres essen können“, erwiderte Harbor. Sein Atem begann bereits sichtbar zu werden. Die Wärme des Tages begann durch die Kühle der nahenden Nacht abgelöst zu werden. Lord Harbor blickte sich um. In seinem Blick lag Entschlossenheit. Er wollte die Nacht auf keinen Fall in der Kälte verbringen. „Beschleunigt den Schritt Eurer Pferde!“, befahl er.
Die Reiter nickten und beschleunigten den Trab der Pferde. Marcel setzte sich hinter Lord Harbor, um sich mit Strewberry unterhalten zu können.
„Sag mal, Strew. Könnte man nicht über diese Brücke, wie hieß sie noch gleich das Sarangebirge erreichen?“, fragte er den erfahrenen Krieger.
„Du meinst die Meidesbrücke? Vergiss es, das ist viel zu riskant“, entgegnete Strewberry. „Sicherlich sind wir schneller oben, doch spätestens auf halber Strecke müssen wir aufgrund des Geländes die Pferde zu Fuß hinaufführen. Altnar, der Erbauer hat diesen einen Weg konstruiert, um sich selbst ein Denkmal zu setzen. Es heißt sein Trupp wurde auf dem Brückenpfad von den Kuslaks angegriffen. Als Träger des Drachenrings, welches früher das Bündnis mit den Drachen deutlich machte, konnte er die weißen Drachen auf dem Gipfel des Berges um Hilfe bitten. Kardrak und seine Drachen bereiteten den Kuslaks ein wahres Inferno. Aus Dankbarkeit und aufgrund der Tatsache, dass die Meidesbrücke verschiedene Routen und Grenzübergänge des Königreiches verbindet hat er den Bembardos Pfad konstruiert.“
„Was sind Kuslaks?“
„Die Echsenvölker jenseits des Meeres, welches Alplanden umgibt. Sie leben auf den Habanera Inseln und sind Krieger, die dem Tod nicht abgeneigt sind. Ihre Waffen sind zwar altbacken aus tropischen Hölzern, aber brandgefährlich. Ich kenne nur die Geschichten, da sie einen Kleinkrieg mit den Trollen ausfechten, aber ein Kommandant hat mir erzählt, dass die Lanzen, Speere und Schwerter mit Schlangengift eingerieben werden, welches nahezu tödlich ist. Nur Octurian ist in der Lage das Gegengift zu brauen und früher sind viele Soldaten mit einer Phiole des Gegengiftes am Gürtel losgezogen“, erzählte Strewberry.
Marcel blieb wissbegierig. „Wie viele Völker gibt es denn noch in Alplanden und rund um Alplanden?“
„Zum einen das Drachenvolk, wir Elfen, die Zwerge, dann die Orks und Trolle, die sich an der südwestlichen Grenze befinden. Es gibt auch Nachtelfen, die früher ein loyales und treues Bündnisband mit uns hatten. Des Weiteren haben wir noch die Kuslaks jenseits des Meeres. Es wird berichtet, dass im Nordmeer sich auf den Eisinseln die Wiedergänger befinden. Tote Elfen aus grauer Vorzeit, die durch schwarze Magie wiederbelebt wurden und es kaum ein Mittel gegen sie gibt. Jahrtausende sollen sie Ruhe gehalten haben, doch nun berichten immer wieder Seefahrer von mysteriösen Vorkommnissen auf den Inseln. Es wird eisblauen Lichtern berichtet“, erzählte Strewberry seinem Freund.
Belustigt blickte Marcel ihn an. „Also die Kuslaks kaufe ich dir ja noch ab, aber Wiedergänger aus dem Eis? Das halte ich fast für unmöglich.“
„Ich kann nur erzählen, was mir zugetragen wurde“, antwortete Strewberry.
Nach einer halben Stunde erreichte der berittene Tross dann endlich das Gasthaus. Lord Harbor stieg von seinem schwarzen Schlachtross, reichte es seinem Knappen, damit dieser es festhielt und betrat das Gasthaus. Das prächtige Landhaus am Fuße des Bergpfades wirkte mächtig und bot 200 Reisenden Platz. Hinzu kam noch ein großer Pferdestall, wo die Pferde der Reiter unterkommen konnten. Lord Harbor begrüßte den Eigentümer des Hauses Albus Gotor. Der schlaksige, braunhaarige Elf hatte das Haus von seinen Eltern übernommen, womit es in der siebten Generation blieb. Als er Harbor erblickte, erwiderte er seinen Gruß.
„Harbor, alter Freund. Wie geht’s dir?“
„Albus. Sehr gut. Ich bin mit ein paar Mannen im Auftrag des Königshauses unterwegs und wir wollen unser Nachtlager in deinen Räumlichkeiten aufschlagen. Solltest du nicht genug Platz haben, wir haben auch Zelte dabei.“
„Wie viele seid ihr?“, fragte Albus höflich.
„40 und entsprechend viele Pferde.“
Albus Gotor blickte in ein Buch, das auf dem Tresen lag. Hier notierte er die Anzahl der Gäste seines Hauses.
„Führt die Pferde in den Stall. Ich gebe Podrick, Willem und Evnissa Bescheid, dass sie sich um eure Tiere kümmern. Wenn ihr wollt, kann ich morgen unseren Schmied bitten sich die Pferde nochmal anzusehen. Ich vermute, ihr wollt ganz hoch in das Sarangebirge?“
Harbor nickte. „So ist es. Zerschlagenes aus der Vergangenheit soll geheilt werden und ein neues Bündnis des Friedens in Zeiten der Gefahr geschaffen werden.“
„Ich verstehe. Auf jeden Fall solltet ihr einen Schmied nach euren Pferden schauen lassen. Sicher ist sicher, bevor Eure Truppen die beschwerliche Reise antreten. „
„Danke für deine Sorge, Albus. Angesichts der Wichtigkeit der Mission sollten wir deinen Rat befolgen. Unser Aufbruch auf Burg Karamurg war ziemlich übereilt.“
Albus lächelte freundlich. „Seid meine Gäste. Bringt eure Pferde in den Stall, ich werde sofort nach meinem Stallpersonal schicken lassen.“
„Wie immer eine Ehre dein bescheidenes Gasthaus zur Übernachtung nutzen zu dürfen. Und ich hoffe, du hast ein gutes Mahl und Besäufnis einkalkuliert. Meine Mannen sind nach dem Ritt doch sehr ausgehungert.“
„Dann werde ich das Feuer in der Küche noch etwas befeuern und ein weiteres großes Fass Bier reinrollen lassen, mein Freund. Die Rechnung schicke ich an die Krone?“, fragte Albus.
Harbor nickte und Albus Gotor begann die Vorbereitung für die große Anzahl an Gästen zu treffen. Der Hauptmann der Elfen verließ das Gasthaus und forderte seine Mannen dazu auf, ihre Pferde in den Stall zu bringen. Von der Kälte der Nacht angeschlagen, stiegen die Reiter ab, nahmen ihre Pferde am Zügel und führten sie in den großen Stall. Drei Elfen standen bereit, um sich um die Reittiere ihres Besuchs zu kümmern.
„Verdammt“, flüsterte Marcel, als er mit Strewberry und den anderen in Richtung des Gasthauses lief. „Ich habe nichts zum Bezahlen dabei.“
„Mach dir darum keinen Kopf. Wie ich Harbor kenne geht der Aufenthalt hier zu Lasten der Krone, also hau bitte ordentlich rein, denn so ein vorzügliches Essen wird es auf dem Rest der Reise vermutlich nicht mehr geben“, entgegnete Strewberry grinsend.
„Wer weiß, ob wir überhaupt nochmal ein so opulentes Mahl einnehmen können“, stimmte Marcel nach kurzem Überlegen ein. „Lass uns reinhauen.“
„So will ich dich hören, mein Freund.“
Kaum hatten alle Reiter das Gasthaus betreten und an einer großen Tafel Platz genommen war aus der Ferne ein Donner zu vernehmen und das laute Klatschen starken Regens. Mit zwei Kellnerinnen versorgte Albus Gotor die Gäste mit gut gefüllten Bierkrügen.
„Seid froh, dass ihr bei diesem Wetter nicht mehr draußen seid“, meinte er, als ein gleißender Blitz das schwache Fackellicht im Gastraum aufhellte und ein kraftvoller Donner folgte.
„Unsere Zelte würden dieser Gewalt der Natur nicht Stand halten“, bestätigte Lord Harbor. „Wir sollten den Göttern danken, dass wir dein Gasthaus so zeitig erreicht haben.“
Nach gut anderthalb Stunden der munteren Unterhaltung und viel nachgeschenktem Bier brachte Albus ein saftig gebratenes Spanferkel an die Tafel. Mit flottem Schnitt löste er das Fleisch von dem Tier und verteilte es auf die Holzteller. Dazu gab es knusprig gebackenes Schwarzbrot aus dem Feuerofen. Das gut gefütterte Nutztier war von den hungrigen Kriegern innerhalb kürzester Zeit bis auf die Knochen vertilgt. In kleinen Bechern brachte Albus seinen Gästen auf einem großen Holztablett einen Schlummertrunk in Form von Honig vermischt mit feinem Wein. Auf ihren Gastgeber anstoßend prosteten die Männer von Lord Harbor unter einem lauten Donnerschlag sich gegenseitig zu, ehe sie ihre Zimmer in der oberen Etage des Gasthauses bezogen. Lord Harbor teilte sich ein großes Zimmer mit Marcel und Strewberry. Der Lordkommandant nahm eine relativ unbequeme Liege, während sich seine beiden Kämpfer auf den beiden Betten des Gemachs zur Nachtruhe begaben. Zwar protestierten sie lautstark, aber Harbor bestand darauf. „Ihr seid noch jung. Ich bin alt und meine Knochen sind unbequemere Schlafstätten gewohnt. Und wenn ihr nicht Ruhe gebt, dann könnt ihr eure Nacht im Regen verbringen und ich lade mir zwei vollgebaute Wirtshausdirnen ein.“
Die Worte des Kommandanten zeigten Wirkung und wenn auch widerwillig bezogen Strew und Marcel ihre Quartiere für die Nacht. Draußen stürmte, regnete, blitzte und donnerte es munter weiter. Ist das ein Wetter, dachte Marcel bei sich. Hoffentlich wird unsere Reise durch das Unwetter nicht erschwert.

Auch über die Burg Karamurg tobte das heftige Unwetter. Mit skeptischem und müdem Blick stand Octurian am Fenster seines Labors und schaute in die stürmische Nacht. Er dachte an Marcel und seine Mission in Richtung Sarangebirges. Das Wetter auf dem Weg zum Gipfel konnte mitunter sehr launisch werden. Die Kerzen waren bereits fast komplett heruntergebrannt. Müde blickte er zu den Notizen und Unterlagen, die sich auf seinem Schreibtisch türmten. Er beschloss sein Tagwerk für heute zu beenden und zu Bett zu gehen. Mit schwerem Gang wandte er sich vom Fenster ab und hinkte in Richtung Tür. Langsam sperrte er die Tür hinter sich zu und nahm sich eine Fackel aus dem Treppenaufgang um mit einigermaßen gutem Licht in seine Gemächer im Dachgeschoss des Bergfrieds zu gelangen. Seine alten Knochen hatten mittlerweile Mühe den zerbrechlich wirkenden Körper die Stufen hinaufzubewegen, aber er wollte sämtliche Kräfte der Natur spüren. Nach mühevollem Aufstieg, schloss er die Tür zu seinem Gemach auf, als ihn von hinten ein Schlag auf den Hinterkopf traf. Er wollte schreien, doch der Schlag raubte ihm die Luft. Vor seinen Augen explodierten tausend Sterne und er sank geräuschvoll zu Boden. Der Urheber des Angriffs packte den reglosen Körper des Magiers und schleifte ihn in das Schlafgemach. Dort fesselte er den alten Mann, nahm sich dessen Kleidung aus seinem Kleiderschrank und streifte sich einen langen weißen Bart über. Zu guter Letzt griff er sich den Gehstock des Magiers.
„Du wirst leben. Vorerst. Aber erst einmal habe ich etwas zu erledigen für meinen Meister“, sagte eine unbekannte weibliche Stimme.
Geknebelt, gefesselt und kaum fähig sich zu rühren warf der weiße Magier der verkleideten Frau einen verächtlichen Blick zu.
„Wie süß“, spottete sie. „Gefesselt wie eine Fliege im Netz einer Spinne. Doch auch du wirst für den Verrat des Könighauses an mir büßen.“ Höhnisch lachend verließ die Frau das Schlafgemach und ließ den zappelnden alten Mann zurück. Octurian wusste, dass seine Chancen sich aus der Lage zu befreien, verschwindend gering standen. Verzweifelt brachte er alle Konzentration und magische Kräfte seiner Gedanken auf, um sich von den Fesseln zu befreien. Wenn es ihm gelingen würde die doppelt geknoteten Taue an seinen Handgelenken zu lösen. Nach drei erfolglosen Versuchen gab er auf und versuchte über den Schlaf neue Kräfte zu sammeln.

Die brünette Kammerzofe von Königin Aluanda, Ezechia hatte sich in der Schlafkammer der Dienerinnen ihr Nachtlager eingerichtet. Sie wollte nicht ohne ihren Marcel in dem großen Gemach schlafen. Stattdessen überließ sie es ihrer neugewonnenen Freundin Senja dort zu nächtigen. Die schwarzhaarige Wirtin der Taverne „Zur Schwarzen Sonne“ hatte ihr Nachtlager im Gasthaus einer Bedienung für ihr nächtliches Vergnügen überlassen. Mit Ezechia hatte sie rasch Freundschaft geschlossen und nach der tränenreichen Verabschiedung am Burgtor bot die Hofdame ihr an, das verwaiste Gemach ihres Geliebten für die Nacht nutzen zu dürfen. Das tobende Unwetter half überhaupt nicht dabei raschen Schlaf zu finden. Plötzlich hörte sie Schritte auf dem Gang. Senja lauschte. Die Tür zu ihrem Gemach wurde geöffnet. Wer das nur sein mag, dachte sie bei sich. Sie versuchte sich schlafend zu stellen, als etwas zu Boden fiel und zwei Hände nach ihr griffen. Erschrocken fuhr sie herum und spürte einen kräftigen Schlag ins Gesicht. Senja schmeckte warmes Blut an ihrer Lippe. „Was wollt …?“ Weiter kam sie nicht. Als sie ein weiterer Schlag ins Gesicht traf. Ihre Sinne schwanden. Die Hände zerrten an ihr und zogen sie aus dem Bett. Mit einem dumpfen Schlag schlug Strewberrys Freundin auf dem Holzboden im Schlafgemach aus. Der Sturz ging schwer auf die Rippen, sodass ihr die Luft kurz wegblieb. Schwärze breitete sich vor ihren Augen aus. Die Person zog sie an den Armen über den Flur. Erst rieb der Teppichboden an ihren nackten Füßen, dann spürte sie die kalten Marmorfliesen der Schlossgänge, ehe Steinboden ihr bedeuteten, dass sie sich auf dem Burghof befinden musste.
„He da!“, rief eine Stimme der Unbekannten zu. „Magier Octurian, was tut Ihr denn da?“
Die Unbekannte blickte sich um. Eine der Nachtwachen auf den Zinnen der Burg hatte sie im Fackelschein ins Visier genommen. Aber er hatte sie nicht erkannt, sondern sie mit dem Namen ihrer Tarnung angeredet. „Ein Notfall. Die junge Ezechia hatte über Unwohlsein und Schmerzen geklagt. Als ich nach ihr sah fiel sie ihn Ohnmacht. Ich bringe sie gerade in mein Zauberlabor, um ihr besser helfen zu können.“
„Soll Euch jemand helfen, sie dort hinzubringen? Wenn Ihr sie so weiter schleift sind ihre Füße am Ende nur noch blutige Fetzen.“
„Eilt euch.“
Der wachhabende Elf, verschwand kurz, ehe er zurückkam und mitteilte, dass jemand auf dem Weg sei. Er leuchtete von oben mit seiner Fackel, als sich ein Soldat der Garde der Unbekannten und der bewusstlosen Senja näherte.
„Mächtiger Octurian, haltet ein. Ich helfe Euch“, rief er beim heraneilen.
Die verkleidete Unbekannte nickte und senkte den Blick. Um keinen Preis wollte sie auffallen. Ohne die Unbekannte eines weiteren Blickes zu würdigen, packte der Elf Senja an den Füßen und die Unbekannte setzte ihren Weg in Richtung des Bergfriedes fort. Vorsichtig trugen sie die Bewusstlose über die Stufen bis sie an der Tür des Labors standen. Die Unbekannte schwitzte. Verzweifelt versuchte sie die Tür zu öffnen und den richtigen Schlüssel zu finden. Der dritte Schlüssel passte dann. „Manchmal ist man doch sehr zittrig, wenn es um Leben und Tod geht“, murmelte sie mit tiefer Stimme und versuchte so wie Octurian zu klingen.
Der andere Elf lächelte. „Da sagt Ihr was, Magier Octurian. Ich helfe Euch sie auf die Liege zu packen.“
„Danke.“ Der Elf und der vermeintliche Zauberer trugen Senja in das Labor. Ein paar Kerzen waren noch nicht ganz runtergebrannt und verliehen dem Raum eine gewisse Helle. Ein Kerzenschein fiel auf das Gesicht der noch immer besinnungslosen Senja. Auch der Elf blickte beim Weggehen auf das Gesicht.
„Das ist nicht Ezechia, Meister. Das ist Senja, die Wirtin aus der Schwarzen Sonne. Wer seid Ihr? Ihr seid nicht Octurian.“ Er stürzte los und schrie: „HILFE! SCHARLATAN! VERBRECHEN! ALARM IM BERGFRIED!“
Geistesgegenwärtig zog der falsche Magier seinen Stock und verpasste der schreienden Elfe einen kräftigen Schlag in den Rücken und schließlich auf den Hinterkopf. Das rotblonde Haar färbte sich blau. Eine klaffende Wunde verteilte ihr blaues Blut auf den Nacken des Elfen. Entgeistert wandte sich die Unbekannte wieder ihrem Opfer zu. Im Kerzenlicht fiel es ihr auch auf. Es war nicht Ezechia, mit deren Geiselnahme sie Marcel in eine Falle locken wollte, sondern Senja. „Verdammt“, fluchte sie. Sie nahm die Kapuze unter welcher eine wallende rote Haarpracht versteckt war ab und riss sich unter einem kurzen Schmerzensschrei den falschen Bart vom Gesicht. Unter dem Mantel des Magiers Octurian war eine weiße Bluse zu erkennen. Es war die Kopfgeldjägerin der Alplanden, Ginygritte. Was sollte sie nur tun. Instinktiv zerrte sie den ohnmächtigen rotblonden Elfen in das Labor und verriegelte die Tür von innen. Das Labor lag knapp 50 Meter über der Erde. Dieses von Draußen zu erreichen stellte eine schiere Unmöglichkeit da. Man musste die Tür aufbrechen und für diesen Fall sollte nun Senja das Druckmittel sein. Was aus dem ausgeknockten Elfen wurde, das war Ginygritte egal. Ihr Ziel war freies Geleit zu bekommen, um Marcel in die Hände des schwarzen Magiers Grindelmort Voldewald zu führen.

Im Gasthaus am Bembardos Pfad tobte das Unwetter noch ein wenig weiter. Da das Unwetter aus Nordosten kam und somit die Burgbewohner Blitz und Donner überstanden hatten, zogen nun die letzten Ausläufer über die Unterkunft. Ein greller Blitz, gefolgt von einem Donnerschlag, der die Wände erzittern ließ, zuckte über den dunklen Nachthimmel. Schweißgebadet saß Strewberry in seinem Bett auf. „Wir müssen zurück!“, stammelte er. „Zurück zur Burg.“
„Schlaf weiter!“, grummelte Harbor, während Marcel schlaftrunken aufstand und sich seinem neuen Freund zuwandte.
„Was ist los?“, fragte er. „Hast du schlecht geträumt?“
Apathisch saß der junge Elf in seinem Bett, zitterte am ganzen Körper wie Espenlaub und sein Blick war starr vor Angst. „Senja … Senja …“, stammelte er.
„Was ist mit Senja? Was hast du geträumt?“
„Ich habe nichts geträumt. Senja ist in Gefahr. Sie ist überfallen worden und im Bergfried im Labor von Magier Octurian.“
„In Ordnung“, grummelte Harbor von seiner Liege. „Wenn du das nächste Mal vor dem zu Bett gehen, deine sechste Portion Spanferkel essen willst, dann pfeffere ich sie dir eigenhändig vom Teller. Du bist überfressen, kannst nicht schlafen und hast schlecht geträumt. Es wird schon alles gut sein auf der Burg.“
„Ihr versteht nicht“, entgegnete Strewberry immer noch kreidebleich, aber etwas gefasster. „Ich hatte schon früher diese Fähigkeit. Elfen, die mir besonders nahe stehen bauen eine geistige Verbindung auf von der sie nichts wissen und ich sehe, wenn sie in Gefahr sind.“
Wütend feuerte Lord Harbor sein Kissen in Strewberrys Gesicht. „Jetzt halte endlich dein dämliches Maul! Wir haben eine lange Mission vor uns und hier die Möglichkeit gut zu ruhen. Stattdessen müssen wir uns dein wirres Traumgeseire anhören! Ich hab es satt mit dir!“
„Marcel“, flüsterte er, „so glaub mir doch. Senja ist in Gefahr und Ezechia und die Königin werden es auch sein. Wenn wir jetzt losbrechen sind wir bis zum Nachmittag zurück.“
„Ich weiß nicht, was ich noch glauben soll“, erwiderte Marcel leise und mit Skepsis. „Seitdem ich hier bin passiert eine Geschichte, an die ich nie geglaubt habe nach der anderen. Ich will Harbor und die anderen nicht zurück lassen.“
„Wir lassen ihnen eine Nachricht da“, drängte Strewberry. „Bitte. Alleine schaffe ich es nicht. Wir brauchen Fackeln und zwei Pferde. Hilf mir, mein Freund.“
Furchtvoll und vorsichtig blickte Marcel zur Liege. Der Kopf Harbors war unter die Decke geschlungen, um so wenig Lärm wie möglich mitzukriegen.
„Lass uns gehen.“
Hastig zog Strewberry aus seiner Tasche, die er am Gürtel getragen hatte ein Stück Pergament und eine Feder.
„Wo hast du das her?“, fragte Marcel.
„Ich wollte eigentlich Senja von unserer Reise berichten. Aber Senjas Leben zu retten, erscheint mir wichtiger als Reisetagebücher.“
Ohne langes Überlegen kritzelte er eine kurze Botschaft auf das Pergament und legte es auf den Tisch im Zimmer. Marcel und Strewberry zogen sich so leise wie möglich an, schnappten ihre Waffen und schlichen sich heraus. Die Tür zum Gasthaus war nicht abgesperrt. Die zwei schlichen zum Stall. Mit zwei Fackeln bewaffnet, suchten sie ihre treuen Reittiere heraus. In den Nachbarboxen machte sich bei den anderen Pferden Unruhe breit. Vorsichtig und ohne weitere Nebengeräusche gelang es ihnen ihre Tiere aus dem Stall zu führen. So leise wie möglich liefen sie mit den Zügeln neben ihnen her, ehe sie den Kiesweg zum Gasthaus verlassen hatten. Mit der Fackel in der einen Hand und dem sehr schlammigen Pfad unter den Stiefeln war es nicht sehr einfach die Pferde zu besteigen. Als sie aufsaßen, ritten sie los. Marcel hatte alle Mühe seine Stute mit einer Hand zu steuern und zu kontrollieren, während Strewberry getrieben von der Angst um seine neue Freundin es fast spielerisch beherrschte. Der braun-weiße Araberhengst, den er ritt war perfekt auf Strewberry eingestellt und die beiden verstanden sich blind.
„Lass uns kurz anhalten, Strew“, rief er seinem Freund zu, der daraufhin sein Pferd stoppte.
„Was ist los?“
Marcel stieg von seiner Schimmelstute ab, warf die Fackel auf den Boden und trat sie aus. „Sie stört. Ich folge dir einfach, mein Freund“, gab er als Antwort.
„In Ordnung. Schwing dich wieder hoch, wir wollen weiter.“
Marcel stieg auf und Strewberry beschleunigte sofort seinen Hengst. Die weiße Stute hielt dem schnellen Galopp stand und Marcel fiel es nun wesentlich leichter sich auf die Bewegungen und der Schnelligkeit des Pferdes einzulassen. Würden sie es rechtzeitig schaffen Strews Freundin zu retten und die Burg zu erreichen? Was würde die Reaktion auf ihre nächtliche Flucht von Lord Harbor und seinen Reitern sein? Würde er ihnen nachreiten? War es überhaupt richtig was sie machten? Tausend Gedanken schossen Marcel durch den Kopf, doch er war fest entschlossen seinem Freund zu helfen, auch um seine Liebe Ezechia zu beschützen. Wenn dieser unbekannte Gegner eine Elfe entführen konnte, dann könnten auch weitere folgen.


Du siehst noch einmal in die treuen Augen Deines Tieres,
das so lange aus deinem Leben verschwunden war,
aber nie aus Deinem Herzen